Zur Gewerkschaftsdebatte

Vor einigen Wochen hat die Schweizer Sektion der Internationalen Kommunistischen Strömung (IKS) auf unseren Text «Schranken proletarischer Emanzipation – zur Kritik der Gewerkschaften» aus Kosmoprolet 3 reagiert und eine Kritik (Teil 1 / Teil 2) daran verfasst. Die IKS erwartet von uns eine klare Verurteilung der Gewerkschaften anhand eines von ihnen definierten Klassencharakters. Um den Gewerkschaften aber einen eindeutigen Klassencharakter zuschreiben und sie ausschliesslich als Organe der Bourgeoisie fassen zu können, muss die IKS auf zwei Vorannahmen zurückgreifen, die folgenschwer sind und die sie auf eine hoch spekulative Ebene führen. Es geht dabei um die Fragen nach dem objektiven Bedürfnis und Wesen des Proletariats und um die Frage nach dem Aufstieg und endgültigen Niedergang der kapitalistischen Produktionsweise. Die beiden Grundannahmen, die die IKS trifft, sind konstitutive Teile ihrer Theoriebildung. Um die Kritik an unserer Analyse der Gewerkschaften plausibel beantworten zu können, müssen wir diese Vorannahmen diskutieren. Sie sollen im Folgenden in aller Kürze kritisiert werden, wenn sie auch – und das haben solche Konstruktionen an sich – nicht endgültig widerlegt werden können. Uns scheint es notwendig, von solchen metaphysischen Konstruktionen Abstand zu nehmen, um die Realität bürgerlicher Gesellschaft begrifflich fassen zu können. Ob wir tatsächlich, wie die IKS behauptet, am Verblendungszusammenhang spinnen oder sich dieser selber reproduziert und ihm die IKS gewissermassen auf den Leim geht, darüber sollen die Leserinnen selber urteilen.

Die ewig währende Dekadenz

Wenn es nach der IKS geht, dann kann man die kapitalistische Entwicklung fein säuberlich in zwei Hälften teilen: Etwa bis zum ersten Weltkrieg befindet sich der Kapitalismus in seiner aufsteigenden Phase, um dann in eine nicht enden wollende Dekadenz einzutreten. In der ersten Phase seien die Gewerkschaften tatsächlich noch Organe der Arbeiterklasse und würden bei der notwendigen Erringung von Reformen gute Dienste tun. So folgert die IKS: «Obwohl nicht explizit revolutionär waren die Gewerkschaften damals auf lange Sicht durchaus im Einklang mit den Interessen der Revolution.» Dieser Charakter verschwinde aber mit dem Übergang in die dekadente Phase: Etwa ab 1914 können keine «substantiellen und dauerhaften Reformen» mehr erkämpft werden, die proletarische Revolution würde endlich aktuell und drängend und die Gewerkschaften würden nur noch der Bourgeoisie dienen, würden Teil des Staatsapparates.

Diese Bestimmungen hinterfragen wir historisch: Wie begründet die IKS, dass diese «substantiellen und dauerhaften Reformen» bei näherer Betrachtung oftmals gar nicht so dauerhaft und substantiell waren? Wie erklärt sich die IKS das goldene Zeitalter nach dem Zweiten Weltkrieg, in welchem der materielle Lebensstandard der Proletarisierten in den Metropolen in vorher nicht gekanntem Masse angehoben wurde? Wie kriegt sie in ihr Modell eingepasst, dass die ziemlich «substantielle und dauerhafte» Fünftagewoche in der Schweiz erst um 1960 ihren Durchbruch erlebte? Oder wie will die IKS den Beweis erbringen, dass die Initiative für sechs Wochen Ferien bei Zustandekommen nicht längerfristig Bestand gehabt hätte? Die IKS ersetzt die Analyse der kapitalistischen Entwicklung als zyklisches Vorwärtsschreiten durch ein starres Stadienmodell. Das bedeutet nicht, dass es keine zyklische Bewegung mehr gebe, aber diese ist bestimmt durch das dekadente Stadium des Kapitalismus. Sie ist «deformiert, entartet und ist sehr weit davon entfernt, der klassische Zyklus der aufsteigenden Phase zu sein» (Antwort an das IBRP; Internationale Revue 16) Zur Aufrechterhaltung ihrer Konstruktion sind sie gezwungen alle abweichenden Faktoren als «Ausnahmen» zu taxieren und in ihr Modell einzugliedern. Wir sagen auch, dass seit den 70er-Jahren und erst recht ab 2008 die Spielräume für Verbesserungen minimal geworden sind – oder allgemeiner, dass sich die Krisen des Kapitals zuspitzen. Die Angriffe auf die proletarischen Lebensbedingungen sind aus Sicht des Kapitals notwendig geworden, um die sinkenden Profitraten zu sanieren. Aber diese Prozesse muss man in der zyklischen Bewegung des Kapitals verorten, und nicht eine, nicht enden wollende, Endphase des Kapitalismus konstatieren, aus der letztlich alles und darum nichts ableitbar ist.

Das Dekadenzmodell der IKS kann, gerade in seiner Absolutheit und Starrheit, nicht dazu dienen, eine Analyse der Gewerkschaften vorzunehmen. So halten wir auch die in ihm begründete Charakterisierung der Gewerkschaften für falsch. Die Arbeiterinnen organisierten sich ursprünglich gegen den masslosen Heisshunger des Kapitals nach Mehrarbeit. Sie waren dazu gezwungen, um ihre schlichte Ausradierung durch Überausbeutung zu bekämpfen und schafften sich entsprechende Organe. Diese Organe erfüllten aber objektiv – und das ist eben gerade keine subjektive Perspektive, wie die IKS behauptet – das Interesse des Gesamtkapitals an der Reproduktion der Ware Arbeitskraft, indem sie für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Freizeit kämpften. Der Staat als ideeller Gesamtkapitalist hat diese Interesse anerkannt und in staatliche Formen gegossen.

Die IKS schreibt dagegen, dass die Gewerkschaften in der «aufsteigenden Phase» des Kapitals «ein lebendiger Ausdruck des Kampfes der Arbeiterklasse waren». (…) «Sie waren noch kein Organ, das im Interesse des Gesamtkapitals fungierte.» Im Gegensatz dazu könnten die Gewerkschaften heute, als Organe des Kapitals oder Teile des Staatsapparates, keinerlei positive Funktionen für die Arbeiterklasse haben. Das Beharren auf einem starren Klassencharakter scheint gewissermassen dazu zu verleiten, dass man für objektive Funktionen im kapitalistischen Totalitätszusammenhang den Blick verliert. Nur dann kommt man auch auf die Idee, unsere Bestimmung objektiver Funktionen leite sich aus der blossen «demokratischen» Addition subjektiver Perspektiven her: ein bisschen Proletarisierte, ein bisschen Staat, ein bisschen Kapital. Das Gegenteil ist richtig: Diese Bestimmungen sind gerade nicht davon abhängig, ob man sich auf diese oder jene Seite der Barrikaden stellt; bei den politischen Schlussfolgerungen sieht das natürlich anders aus.

Die Gewerkschaften – und das können wir in der Retrospektive sagen – waren nicht einfach Organe des Proletariats oder «lebendiger Ausdruck des Kampfes», sie waren von Anbeginn Interessensvertreter der in ihnen organisierten Fraktionen des Proletariats innerhalb des Kapitalismus und damit an der Reproduktion des variablen Kapitalteils interessiert. Und als solche immanenten Interessensvertreter führten sie die Arbeiterinnen auch notwendig dahin, wo sie heute sind: In die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Natürlich, in der Krise wird der disziplinierende Charakter der Gewerkschaften deutlicher und wo die Arbeiter tatsächlich gegen ihre Existenz als Proletarisierte kämpfen, da tritt auch die repressive Seite klar in den Vordergrund. Trotzdem verlieren die Gewerkschaften nicht die Funktion, die immanenten Interessen bestimmter Teile der Arbeiterinnen gegen die Angriffe oder für bessere Lebensbedingungen zu vertreten, auch wenn sie das im konkreten Falle immer mal wieder schlecht machen – was allerhand linksgewerkschaftlichen Kreisen Auftrieb beschert. Dies sei aber alles gar nicht im eigentlichen Interesse des Proletariats, sondern widerspreche diesem und sei oftmals blosses Ablenkungsmanöver, behauptet die IKS. So etwas kann man nur behaupten, wenn man von einem eigentlichen Interesse und einem revolutionären Wesen des Proletariats ausgeht, das mit den empirischen Proletarisierten nicht mehr viel zu schaffen hat.

Objektive Interessen und revolutionäres Wesen

In unserer Analyse der Gewerkschaften sind wir vom Proletariat ausgegangen, das nur Proletariat sein kann, wenn es ausgebeutet wird – ansonsten würde die Kategorie Proletariat obsolet –, und von Menschen, die dem Proletariat angehören, die als Arbeiter das Proletariat bilden. Wir gehen auch davon aus, dass diese Proletarisierten ein Interesse an einem möglichst guten Leben haben – dieses Interesse kann sich aber historisch ganz unterschiedlich Äussern und ist von einem vermeintlich objektiven, immer revolutionären Interesse zu unterscheiden. Das Proletariat hat die Möglichkeit, nicht nur nach der eigenen Auflösung als Proletariat zu rufen, sondern sich für bessere Bedingungen oder gegen schlechtere Bedingungen in der eigenen Ausbeutung einzusetzen. Dass es das tut, ist begreiflich und richtig. Diesem Kampf läuft aber die kapitalistische Entwicklung zuwider, deren Krisenhaftigkeit immer wieder Angriffe auf die proletarischen Lebensbedingungen auf die Tagesordnung setzen.

Wir stimmen mit der IKS überein, dass es zwischen den Interessen des Proletariats und dem Kapital einen Antagonismus gibt. Alles was sich die Arbeiterinnen erkämpfen können, das müssen sie dem Kapital abtrotzen und umgekehrt: Gerade in der Krise wird deutlich, dass etwa die Sanierung der Profitraten nur auf Kosten des Lebensniveaus der Proletarisierten zu bewerkstelligen ist. In diesem Sinne wird der Widerspruch sich im Kapitalismus nie aufheben lassen, er lässt sich nur in bestimmte Verlaufsformen transferieren. Dass die Gewerkschaften an der legalistischen Austragung dieses Widerspruchs grossen Anteil hatten und haben, das haben wir in unserem Text auch erklärt. Aber daraus folgt nicht, dass die Gewerkschaften gegen die Interessen des Proletariats handeln, wenn man denn diese Interessen als eine diesseitige Kategorie behandelt und nicht einzig die Revolution als objektives Interesse der Proleten akzeptiert. Es gibt nun mal allerhand Interessen von Arbeiter im Kapitalismus: mehr Ferien, mehr Freizeit, mehr Lohn. Und das sind die momentan wirkungsmächtigeren Interessen als jene nach der Aufhebung der kapitalistischen Totalität.

Die IKS geht eben von einem Wesen des Proletariats aus, seinem Sein, das darin bestehe, den Kapitalismus zu überwinden. Dem gegenüber stünden die atomisierten Arbeiterinnen, deren Forderungen nach mehr Lohn oder bezahlbaren Mieten unter dem Begriff des Scheins subsummiert werden können, also nicht dem Wesen des Proletariats entsprächen – weil dem Wesen nach will sich das Proletariat immer selber abschaffen. Unseres Erachtens kann derselbe Mensch, der einen höheren Lohn fordert, schlussendlich eine Überwindung des Lohnsystems wollen. Er handelt nicht im zweiten Fall seinem Wesen nach, während im ersten Fall nur die bürgerliche Ideologie aus ihm spricht: Beides sind materielle Interessen der Proletarisierten nach einem besseren Leben. Das heisst, dass die Revolutionäre die Proletarierinnen nicht vor den Gewerkschaften warnen oder sie dem ideologischen Zugriff dieser bourgeoisen Agenten entziehen müssten. Es ginge darum, sich klar zu machen, ob der gewerkschaftliche Kampf einem nützt für ein besseres Leben oder eben nicht. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss man das nachweisen. Eine blosse Warnung, sich nicht von den gewerkschaftlichen Manövern manipulieren zu lassen, bringt niemanden weiter.

Gerade in Zeiten der Abwesenheit revolutionärer Perspektive kommt dazu, dass sich viele Arbeiter mit ihrem Unternehmen und ihrer Nation identifizieren. Das hat seine Gründe: Schliesslich ist ihr eigenes Überleben an das gute Abschneiden von «ihrem» Staat und «ihrem» Kapital in der Konkurrenz gekettet. Und so scheint es uns zumindest ein wenig eigenartig, wenn man diese Interessen einfach als nicht-proletarisch definiert, indem man den Gewerkschaften einen klaren Klassencharakter zuspricht. Damit konstruiert man ein Klassenwesen mit bestimmten Attributen, die sich höchstens vereinzelt in der Geschichte finden lassen. Man muss sich deswegen nicht dumm machen lassen: Man kann und muss durchaus davon sprechen, dass im Proletariat ein Potential steckt, für die eigenen Interessen den Widerspruch revolutionär aufzuheben, um ein für alle mal Ruhe zu haben. Das hat sich nicht nur historisch immer wieder gezeigt, das ist auch in der zyklischen Wiederkehr von Krisen – wenn auch nicht ausschliesslich – und dem damit verbundenen Aufbrechen von rechtlich gültigen Verlaufsformen des Klassenkonfliktes zumindest angelegt.

Aber um diese historische Ausnahmesituation irgendwie zu fassen zu kriegen, hilft keine Konstruktion eines «revolutionären Wesens», da muss man darauf reflektieren, wie denn praktische Selbstermächtigung und theoretische Durchdringung dieser Gesellschaft zusammenhängen; wie die praktische Selbstaufklärung von statten gehen kann und was dabei – so wichtig nehmen wir uns dann in Anlehnung an den Einleitungssatz der Antwort doch auch – unsere Rolle sein kann und muss. «Avantgarde sind schlicht die, die im richtigen Augenblick das Richtige tun und so die Möglichkeiten, die in den versteinerten Verhältnissen liegen, ans Tageslicht bringen» (28 Thesen zur Klassengesellschaft; Kosmoprolet 1). Dass wir auf die Frage nach der Rolle der Avantgarde jenseits dieser Basisbanalität im Kosmoprolet keine positive Lösung vorgeben, liegt nicht an theoretischer Unzulänglichkeit, sondern daran, dass die Tendenzen zur Überwindung des Kapitalismus zu wenig weit entwickelt sind. Diese Frage wird sich vermutlich erst in der wirklichen Bewegung klären lassen und nicht in der theoretischen Vorwegnahme einer solchen.

Wir verwehren uns aber einer Konstruktion des Proletariats als a priori revolutionär und versuchen in aller Redlichkeit über das nachzudenken, was das Proletariat tatsächlich tut oder eben nicht tut. Wir denken, dass wir damit einer adäquaten Beschreibung der Realität näher kommen als mit phantastischen Luftschlössern. Und darum geht uns die Bestimmung der Gewerkschaften auch nicht ganz so einfach von der Hand wie der IKS: Wir denken eben, dass die Gewerkschaften tatsächlich bestimmte Aspekte des proletarischen Daseins organisieren und vertreten aber gleichzeitig ein wichtiger Ordnungsfaktor der kapitalistischen Gesellschaft darstellen. Daraus lässt sich dann auch stimmig erklären warum die Gewerkschaften in Arbeiterkreisen – abseits von Verblendungstheorien – eine gewisse Popularität geniessen, sie aber nicht absolut gegen die Interessen des Kapitals vertreten kann.

Manöver und Verschwörungen

Auf den zweiten Teil der Antwort wollen wir nicht besonders ausführlich eingehen, dazu ist die Strohmanndichte zu hoch. Es gibt tatsächlich veritable Manöver der Gewerkschaften und ihr Verhalten im Mai ’68 in Paris gehört bestimmt dazu. Die IKS will aber jede Aktion der Gewerkschaft, die – vordergründig wie sie meint – gegen Verschlechterungen der Lebensbedingungen der Proletarisierten durchgeführt werden, als Manöver fassen. Von der Spezifik eines Manövers ist aber in der Antwort auf unseren Text nicht mehr viel übrig; die im Duden aufgeführten drei Wortbedeutungen setzten zumindest allesamt Wille und Bewusstsein voraus. Die IKS negiert ihre analytische Kategorie gleich selbst, wenn sie davon spricht, dass die Repräsentanten der Gewerkschaften sich gerade nicht «über ihr Handeln in einem grösseren Zusammenhang Rechenschaft ablegen, geschweige denn, dass sie stets bewusst (und versteckt vor der Öffentlichkeit) einen Plan aushecken würden.» Es bleibt nichts weiter übrig, als der etwas dürftige Verweis, dass die Gewerkschaftsrepräsentantinnen das tun, «was sie ihrem Sein gemäss geschichtlich zu tun gezwungen sind.» Mehr als eine Konstruktion eines Wesens der Gewerkschaftsbürokratie und einer etwas verschämten Geschichtsmetaphysik wird damit nicht produziert. Da ist der Verweis darauf, dass im Kapitalismus an der Oberfläche alles falsch erscheint und sich die Logik des stabilisierenden Verhaltens der Gewerkschaften gewissermassen hinter dem Rücken seiner Führungsriege abspielt, schon interessanter. Eine Konkretisierung dieser Gedanken dürfte aber schwer fallen. Marx hat für dieses Unterfangen im Rahmen der Kritik der politischen Ökonomie immerhin einige dicke Bücher produziert und es scheint uns fraglich, ob auf der Ebene der politische agierenden Gewerkschaftsrepräsentanten ein solche Herangehensweise zu stimmigen Resultaten führen kann.

Vorerst wollen wir einfach festhalten, dass die Gewerkschaftsrepräsentantinnen kein Interesse an einer kommunistischen Revolution haben und darum in den seltenen entscheidenden Momenten offen dagegen vorgehen. Im Normalfall aber dürften sie sich schon den Kopf zerbrechen, wie sie ihre Klientel vertreten können – dass dies innerhalb des Kapitalismus geschieht, ist klar, und dass diese Aktivitäten auch die Arbeiter tiefer in das Kapitalverhältnis hineingeführt haben, das ist bekannt. Dazu mussten sie aber keine Manöver vollführen, sondern schlicht und einfach ihre Funktion als Vertreterinnen der Interessen von Arbeitern innerhalb des Kapitalismus erfüllen – und eben gleichzeitig fürs Kapital eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen.