Tag gegen die Arbeit

Keinen Finger krumm für diese Gesellschaft
Flugblatt zum 1. Mai 2005

Im Februar vermeldet das Statistische Bundesamt in Deutschland 5,2 Millionen Arbeitslose (über 12% der Bevölkerung). Die Wirtschaftswoche spricht von Verschleierung und setzt die Zahl bei 9 Millionen an. In der Schweiz gibt das Statistische Amt die Arbeitslosenzahl von 2004 mit 153000 an (4% der arbeitsfähigen Bevölkerung). Dies gibt aber nur die Zahl der in den regionalen Arbeitsvermittlungsbüros (RAV) Registrierten wieder: heraus fallen die meisten im Reproduktionsbereich (Haushalt etc.) Tätigen, die Ausgesteuerten (jährlich über 30000), die Temporärbeschäftigten, die Schwarzarbeitenden und schliesslich alle, die sich nicht in die Mühlen des staatlich vermittelten Arbeitszwanges integrieren wollen oder können.

Letztlich müsste man auch in der Schweiz die Zahl der Arbeitslosen verdoppeln, um ein einigermassen realistisches Bild von der Lage zu bekommen. Fakt ist, dass die statistischen Taschenspielertricks über eine Tatsache hinwegtäuschen sollen: die Arbeitslosigkeit nimmt für den Kapitalismus zusehends bedrohlichere Ausmasse an.

Die Gründe dafür liegen in einem grundsätzlichen Dilemma des Kapitalismus. Dieser benötigt beständigen Fortschritt der Produktivkraft (Maschinen, Automatisierung, Rationalisierung des Produktionsprozesses usw.). Diese Entwicklung könnte uns weitgehend vom Mühsal der Arbeit befreien. Je mehr Maschinen und automatische Produktionsschritte, desto weniger menschliche Arbeit wäre notwendig. Im Kapitalismus bewirkt dieser Fortschritt jedoch das genaue Gegenteil: statt eine Reduktion der Arbeitszeit für alle, werden immer mehr einzelne ArbeiterInnen durch Maschinen und Computer ersetzt und müssen sich entweder an die Sklavenhändler der Temporärbüros wenden, oder die Schikanen der RAV (ständige Termine, Bewerbungskurse, Strafen für Nichtbefolgung usw.) über sich ergehen lassen. Die zunehmende Zahl der ArbeitslosengeldbezügerInnen wiederum schlägt zurück auf den Staatshaushalt und motiviert die bürgerlichen Parteien zu immer neuen Angriffen auf die Sozial- und Arbeitslosenwerke. Die sich daraus entspinnende Entwicklung entspricht der Logik des Kapitalismus: je mehr Arbeitslose es gibt, desto stärker müssen diese in den Arbeitsprozess gezwungen werden und desto kleiner sollen die Almosen sein, die sie erhalten.

Zu dieser Tendenz passt, dass in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und sich verschärfender Krise das Arbeitsethos (die Vergötzung von Fleiss, Arbeitsdisziplin usw.) an Gewicht gewinnt. Viele, die arbeitslos werden, nehmen das als ein unnütz werden der eigenen Person wahr. Statt die Lohnarbeit als bitteren Zwang der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen, wird ihr eine moralische Qualität angedichtet: Nur das produktive Mitglied der Gesellschaft ist ein vollwertiges. Wert ist man, was man verdient.

Wer diesen Irrsinn durchschaut, der oder dem geht es aber auch nicht besser. In einer Gesellschaft, in der Wenige das Eigentum an Produktionsmitteln (Maschinen, Rohmaterial, Boden usw.) besitzen, ist der grösste Teil der Menschen gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, also lebenslänglich zu schuften. Die staatlichen Institutionen vom RAV bis zur Polizei garantieren, dass sich diesem Zwang niemand verweigern kann. Wer schon mal ins RAV gezwungen wurde (nicht von knüppelschwingenden Bullen, sondern schlicht von der Notwendigkeit zu essen und zu wohnen), die oder der weiss, dass man mit massiven Zuschussstreichungen zu rechnen hat, wenn man sich nicht exakt an die schikanösen Vorgaben des Amtes hält. Wer sich dem entzieht, muss die handfesteren Argumente des Staates kennen lernen: Gummiknüppel und Gefängniszelle; je nachdem, ob man nur im Laden die benötigten Waren klaut, oder ob man sich getraut, gratis in einem leerstehenden Haus zu wohnen.

Auch wer den Arbeitswahn durchschaut hat, kann sich dem also nicht einfach ent-ziehen. Nur gemeinsam ist es möglich, eine Perspektive zu erschliessen, die die Abschaffung von Eigentum und Arbeitszwang – also vom Kapitalismus – zum Ziel hat.

Für die Assoziation der Freien und Gleichen!