Südafrika: Die unvollendete Befreiung

Wir publizieren einen Artikel zum Tod Nelson Mandelas, zum ANC und zur politischen Situation in Südafrika, der im Dezember in der Zeitung vorwärts erschienen ist.

Am 5. Dezember ist Nelson Mandela im Alter von 95 Jahren gestorben. Als Hoffnungsträger für die Befreiung der schwarzen Bevölkerung Südafrikas wird er auch nach seinem Tod eine wesentliche Rolle spielen. Doch diese Befreiung ist zwanzig Jahre nach der Machtergreifung der ehemaligen Anti-Apartheidsbewegung African National Congress (ANC) noch lange nicht erreicht.

In diesen Tagen war viel zu lesen über Verdienste und das Scheitern von Nelson Mandela. Oft hatten die vorgestellten Betrachtungsweisen einen moralischen Beigeschmack: Von einer «herausragenden Persönlichkeit mit Werten wie Gerechtigkeit, Frieden, Respekt, Toleranz und Menschlichkeit» sprach Bundesrat Ueli Maurer. (Wollte er mit diesen Worten die gemeinsamen Interessen und Machenschaften zwischen dem helvetischen Kapital und dem Apartheidregime vertuschen?) Ein «Kommunist im besten Sinn» wird Mandela von Jean Ziegler genannt. An den «Friedensnobelpreisträger» erinnert der «Tages-Anzeiger».

Aus der Sicht des historischen Materialismus geht es jedoch nicht darum, das Leben einer einzelnen Person mit einer politischen Moral zu konfrontieren. Es geht vielmehr darum, ihre Ideen und Handlungen aus dem historischen Kontext heraus zu verstehen und ihre Folgen für die heutige Situation der Ausgebeuteten nachzuvollziehen. Nur so kann tatsächlich verstanden werden, wer die politische Person Nelson Mandela war.

Im Kontext der Apartheid

Der Befreiungskampf der schwarzen Bevölkerung Südafrikas war in einen spezifischen historischen Kontext eingeschrieben, der Apartheid, der wesentlichen Bedingung für den Aufstieg des südafrikanischen Kapitalismus ab dem Jahr 1948. Die Apartheid war nicht einfach ein ökonomisches Ausbeutungssystem. Sie war ein System, welches den systematischen Zwang benötigte, um sein Überleben zu garantieren. Die Unterdrückung der Schwarzen bildete sein wesentliches Element. Der Staat belieferte die Industrie mit billigen schwarzen Arbeitskräften und begünstigte die nationale Produktion durch ein Ensemble von finanziellen Zuschüssen und Importrestriktionen. Zwischen 1948 und 1960 wuchs das BIP um 67 Prozent. Südafrika wurde zu einem Paradies für InvestorInnen – so auch für schweizerische Unternehmen. Vermittelt über die Arbeitsgruppe Südliches Afrika (ASA), die 1982 unter anderem von Christoph Blocher mitbegründet und von Ulrich Schlüer geführt wurde, gelangten sie in das Land. Hohe Rentabilität und Profite, eine rasche Mechanisierung der Industrie und eine rasche Proletarisierung der südafrikanischen ArbeiterInnen brachten das Land im Gegensatz zu anderen afrikanischen Ländern in den internationalen Statistiken auf die Ränge der westlich-kapitalistischen Staaten.

Die Apartheid konnte zwar Superprofite generieren, aber sie konnte nicht verhindern, dass die schwarzen Massen revoltierten. Die konstante Drohung des Widerstandes der Schwarzen brachte somit einen massiven Repressionsapparat hervor. Es war in diesem sozio-ökonomischen Kontext, in dem Mandela und andere agierten.

Afrikanischer Nationalismus

Die Politik der ANC, massgeblich beeinflusst von der Person Nelson Mandela, orientierte sich stark an den nationalen Grenzen Südafrikas. Mehrere Aussagen von Mandela selbst weisen darauf hin, dass der ANC in keinem Moment seiner Geschichte Befürworter eines revolutionären Wandels der ökonomischen Struktur des Landes war oder die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft als Ganzes verurteilte. Der afrikanische Nationalismus der ANC war aber unvereinbar mit dem Nationalismus der Afrikaaner (weisse Minderheit). Das Apartheidsystem war zu abhängig von der Überausbeutung der Schwarzen und von der Institutionalisierung der «weissen Überlegenheit» in jedem Bereich des öffentlichen und privaten Lebens.

Dies hatte desaströse Folgen für die aufstrebende schwarze Mittelschicht: Die von Mandela und der ANC erarbeiteten Forderungen nach gleicher ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Partizipation, welche in der Realität also ziemlich moderat und pragmatisch blieben, stiessen bei den Herrschenden nicht auf Gehör. Und somit wandelte sich die gebildete schwarze Elite unausweichlich zur Stimme der gesamten schwarzen Mehrheit und ihre moderaten Konzeptionen zugunsten eines «gerechten Kapitalismus» zur Speerspitze der Politik des schwarzen Nationalismus. Die Unnachgiebigkeit des Apartheidregimes auch gegenüber den moderaten NationalistInnen drängte Mandela und den ANC zur Suche nach radikaleren Alternativen und schliesslich zur Allianz mit der Kommunistischen Partei Südafrikas (KPSA). Der ANC revidierte seine grundlegenden pro-kapitalistischen Positionen jedoch nie. In den 1960er Jahren, als sich der Widerstand gegen die Apartheidpolitik intensivierte, wurde der ANC als illegal deklariert und die AnführerInnen der schwarzen NationalistInnen, unter anderen Mandela 1963, verhaftet.

Der ANC benutzte die stalinistische KPSA, um sich mit den schwarzen Massen zu verbinden und um seine moderaten Positionen mit Radikalität zu tarnen. Sobald er dann jedoch im Spiel der Herrschenden mitspielen durfte, wies der ANC diese Verbindungen zurück und kehrte offen zu seinen reformistischen und marktorientierten Wurzeln zurück.

Südafrika heute

Nelson Mandela wurde nach 27-jähriger Haft 1990 aus dem Gefängnis entlassen und vier Jahre später zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt. Durch seine politischen Aktivitäten hat er mit Sicherheit den moralischen Rahmen der «weissen Überlegenheit» und die «natürliche Ordnung» der Apartheid herausgefordert. Er war die Personifizierung des Leidens, das die schwarze Mehrheit in einem von einer weissen Minderheit regierten Land zu erdulden hatte. Mandela gab der schwarzen Bevölkerung Südafrikas Würde und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Doch trotz Erlangung der bürgerlichen Rechte durch die Schwarzen bleibt die Situation in Südafrika prekär. Das Pro-Kopf-Einkommen der Schwarzen liegt heute noch sechs Mal tiefer als das der Weissen, die Korruption innerhalb des regierenden ANC ist ausufernd und die weisse Minderheit besitzt die Mehrheit des Reichtums des Landes und verbarrikadiert sich in den Gated Communities der urbanen Zentren. Am 16. August 2012 schossen schwarze Polizisten, die Befehle von schwarzen Offizieren ausführten, die wiederum unter einem schwarzen Präsidenten agierten, auf Protestierende aus Marikana und töteten 34 schwarze Minenarbeiter, um die Interessen des grossen britischen Minenunternehmens Lonmin zu verteidigen. Das Erbe der langjährigen Politik der ANC lastet noch heute schwer auf dem schwarzen Subproletariat Südafrikas.