Linke Hochschultage: Die Universität abschaffen!

Einige Thesen zur Universität aus Anlass der Linken Hochschultage (Veröffentlicht in der Zeitung Vorwärts):

«Die Kolonisierung der verschiedenen Sektoren der gesellschaftlichen Praxis findet nur in der Studentenwelt ihren grellsten Ausdruck. Die Übertragung des gesamten schlechten Gewissens der Gesellschaft auf die Studenten verschleiert das Elend und die Knechtschaft aller.» (Situationistische Internationale; Über das Elend im Studentenmilieu)

1. Die bürgerliche Bildungsideologie verspricht über das Hochschul-Studium gleiche Aufstiegschancen für alle. Obwohl die Gleicheit aller notwendig fiktiv ist, sind die Auswahlkriterien doch objektiv genug, um Klassencharakter und Willkür zu verdecken. Aufnahme und Ablehnung an den Universitäten erfolgen nach einem klaren Katalog von «Begabungen» und Fähigkeiten. Die Linke hat kaum gegen diese Auswahl selbst gekämpft. Sie hat sich für das Recht stark gemacht, dass möglichst alle in die Auswahlmaschinerie eintreten dürfen. Hätte sie sich gegen die Selektion als solche gewandt, sie hätte die Gesellschaft als ganzes bekämpfen müssen und das war bekanntlich nie das Ziel der Linken.

2. Hätte sich die Linke umfassend durchgesetzt, sie hätte ein Basisideologem der bürgerlichen Gesellschaft ins Recht gesetzt: Selektion durch Leistung statt durch soziale Herkunft. Vorselektion wie Studiengebühren zerstören diese Ideologie und sind daher geeignet, einige ärmere StudentInnen gegen diese Form der Auswahl aufzubringen. Das ist nicht nur verständlich sondern auch richtig, aber ob man stattdessen jene objektiv unterstützen soll, die am besten den Anforderungen des selektiven Hochschulbetriebs entsprechen, ist mehr als fraglich.
Die Linke hätte mit ihren Forderungen aber noch etwas durchgesetzt: Die Dysfunktionalität der Universität als Selektionsmechanismus für einen hierarchisch organisierten Arbeitsmarkt. Wenn die Bachelor- und Masterabschlüsse in grosser Zahl vergeben werden, verlieren sie ihre Funktion für die kapitalistische Arbeitsteilung. Die Folgen wären, dass die Auswahl nicht mehr durch die Hochschulinstitutionen erfolgen, sondern durch den Arbeitsmarkt, so dass Studium und sozialer Aufstieg nicht mehr parallel verlaufen.

3. Eine Kritik, die diesem Widerspruch gerecht werden will, muss die gesellschaftliche Totalität zum Gegestand haben. Sie muss an der Abschaffung einer Gesellschaft arbeiten, die nicht nur den Arbeitsmarkt hierarchisch organisiert, sondern auch die Gesellschaft in Hand- und KopfarbeiterInnen spaltet und zweitere in staatlichen Institutionen heranzüchtet. Diese Gesellschaft produziert an den beiden Extremen einerseits Hegel-ExpertInnen, die keinen Nagel in die Wand schlagen können, andererseits funktionale AnalphabetInnen die an jenen Maschinen malochen müssen, auf deren Gestaltung sie keinerlei Einfluss haben.

4. Die gegenseitige Verachtung von Hand- und KopfarbeiterInnen zementiert die Knechtschaft beider. Für die StudentInnen fallen noch einige Krümel vom Prestige der Hochschulen ab und so imaginieren sich einige als Elite und schauen verächtlich auf jene, die die unteren Segmente des Arbeitsmarktes bevölkern. Ausserdem bildet man sich gerne etwas auf die vermeintliche Autonomie ein, obwohl man von den beiden mächtigsten Systemen der Autorität abhängig ist: der Familie und dem Staat. Für viele HandarbeiterInnen bleiben die StudentInnen vergeistigt und man verachtet sie wegen ihrer Position in der hierarchischen Arbeitsteilung. Stattdessen müssten beide verstehen, dass es diese Gesellschaft ist, die auf beiden Polen systematisch Bornierung produziert.

5. Darum ist die Abschaffung der Universität als integraler Bestandteil dieser Gesellschaft keine exklusive Angelegenheit der Studierenden, sondern geht alle Proletarisierten an. Genauso wie eine kollektive Aneignung und Veränderung der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion alle angeht und erst die Grundlage dafür bietet, es ganz anders zu machen. Nur so ist eine gesellschaftliche Organisation denkbar, die keine institutionalisierte Abtrennung der Wissensproduktion von der Gesellschaft mehr kennt, sondern diese für alle zugänglich macht und damit Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen erst gerecht wird.