Kritik bei fallender Temperatur

Versuch einer Positionsbestimmung
Gründungsdokument Dezember 2004

In der anbrechenden Kälte der neuen Weltordnung müsste sich die subversive Theorie ihre geschichtliche Aufgabe aufs Neue aneignen, die darin besteht, immer dann das ganz Andere zu vergegenwärtigen, wenn die Aktualität der Revolution bis auf weiters suspendiert worden ist.
– Johannes Agnoli

Wäre der Mensch nicht das zugerichtete Wesen, das er heute ist, so müsste er die Diskrepanz zwischen Möglichem und Tatsächlichem als mindestens so penetrant empfinden wie das tägliche Schrillen des Weckers, welches ihn aus dem Schlaf reisst. Was der Kapitalismus geschaffen hat ist nicht weniger als die technische Grundlage für eine Gesellschaft frei von Mängeln und den meisten Zwängen – einer Assoziation von Freien und Gleichen. Heute aber bringt jede technische Neuerung nur mehr Arbeitslose und repetitivere Arbeitsabläufe hervor. Wäre das Bestehende ob seiner offensichtlichen Irrationalität komplett Abzuschaffen, hat es sich heute nur umso fester verankert. Benötigte es früher noch einen Sozialstaat um die Lüge von der Sozialpartnerschaft glaubhaft zu machen, kann dieser heute getrost abgebaut werden, ohne dass der – ohnehin marginale – Protest über die Forderung nach Aufrechterhaltung des Normalbetriebs kapitalistischen Wahnsinns hinausgeht. Während allerorts rechte Parteien auf dem Vormarsch sind, beweist das Stimmvolk, dass es ohnehin jeden Sachzwang, den der jeweilige Standort fordert, umzusetzen bereit ist. In einer weltumfassenden Ökonomie, in der bei bestehender Nachfrage Porsche und Brot denselben Produktionsanreiz besitzen, verhungern in den mangels Rentabilität vom globalen Markt abgehängten Weltregionen die Menschen, während sich die kapitalistischen Zentren mit immer neuen Millionenprojekten vor Flüchtlingen abschotten.
Die einzelnen Mitglieder scheinen in ihrem tauben «Funktionieren» ebenso irrational, wie die Gesellschaft als Ganzes. Sei es der Lehrling, welcher allmorgendlich den Ekel nach innen kehrt und den Trott nur mitmacht, um jedes Wochenende die ewige Aufholjagd auf das verpasste Leben zu wiederholen. Sei es der erfolgreiche Angestellte, der in der nächsten Konjunkturdelle auf dem Altmüll entsorgt wird um von dort um die Erlaubnis fürs «Weiterfunktionieren» zu betteln. Sei es die allein erziehende Mutter, die neben Job und Kindern keine andere Möglichkeit findet, ihrer Depression zu entkommen, als in der beschränkten Freiheit des Alkoholkonsums. Sei es der Arbeiter im Management, der keine Zeit hat, die ohnehin unnützen Kontaktanzeigen zur Beendigung seiner Einsamkeit zu durchsuchen. Sie alle erleiden tausendfach, was der Verlierer bei «Superstars» durchlebt, der abrupt feststellt, dass das kapitalistische Glücksversprechen von Erfolg, Reichtum und erfülltem Leben immer nur für die Anderen zur Wahrheit wird.
Wer jedoch wie ATTAC und andere KosmetikerInnen am Bestehenden herumretouchiert, wird Voraussetzungen für das beschriebene Elend nie als Ganzes zu kritisieren vermögen. Jene werden immer das vermeintlich Bessere im Kapitalismus gegen seine jeweils ganz schlimmen Ausformungen verteidigen. Seien dies die seelenlosen Spekulanten, die raffgierigen Manager oder die Globalisierung. Das Kapitalverhältnis wird nie angegriffen, im Gegenteil fordert man faktisch analog zu NPD und SD eine Reinigung des Kapitalismus von Raffgier und Eigennutz. Statt die Arbeit im Kapitalismus als das zu begreifen, was sie ist, nämlich notwendiges Übel, wird sie der «Abzocke» und der Spekulation als positives Prinzip gegenübergestellt. Während die Arbeitslosenzahlen steigen und soziale Mechanismen ausgearbeitet werden, um alte und behinderte Menschen in den Produktionsprozess zu zwingen, protestiert man gemeinsam mit Gewerkschaften und linken Parteien für das Recht – was im Kapitalismus auch immer Zwang bedeutet – auf Arbeit. Es wäre den jeweiligen Interessenvertreter der «Arbeit» anzuraten, stattdessen die blauen Bände zu konsultieren.
Obwohl die kapitalistische Gesellschaft die technischen Möglichkeiten längst hervorgebracht hat, die Bedürfnisse des Einzelnen mit einem Minimum an Arbeit garantieren zu können, muss sie an der Verwertung des gesamten Menschenmaterials festhalten. Diesen zentralen Widerspruch hat Marx schon in den «Grundrissen» beschrieben: «Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Mass und Quelle des Reichtums setzt.» Da die Verausgabung menschlicher Arbeit im Kapitalismus alleine wertbildend ist, bleibt sie unverzichtbar. Der zwangsläufigen Entwicklung der Produktivkräfte, welche die Arbeit zusehends unnötiger macht, steht also die Notwendigkeit zur Ausbeutung möglichst grosser Quantität menschlicher Arbeitskraft gegenüber. Diese kapitalismusimmanente Spannung schlägt heute um in eine Verknappung der Arbeitsplätze.
Die aktuelle Krise wird jedoch nicht zum Anlass genommen ihren Ursprung zu kritisieren. In keiner Begründung für den Abbau sozialer Systeme darf der Schädling fehlen, der die Sozialwerke parasitär befallen habe oder die Wirtschaft durch sein Schmarotzertum schädige. Die ersten Opfer der Krise, werden zu deren Auslöser: die «Überflüssigen» – Behinderte, Asylbewerber und Arbeitslose. Dass jeder selbst nach Entlassung oder Unfall vom «Überflüssig-sein» betroffen werden, kann verhilft nicht zur Einsicht in die Irrationalität des Ganzen, sondern stachelt nur zu grösserem Eifer in der Verfolgung jener an, an welchen man glaubt, sich schadlos halten zu können. Die sozialpartnerschaftlich befriedete Gesellschaft konstituiert sich in der Krise mit der Abschaffung ihrer Voraussetzung – dem Sozialstaat – gegen «die Anderen» als die Volksgemeinschaft, die sie in Latenz schon war. Wenn das Stimmvolk an der Urne ihre Urteile über Asylbewerber abgibt. Wenn Volksinitiativen Behinderte in der Produktionsprozess zwingen wollen. Wenn Sozialschmarotzer als Wirtschaftsbremsen ausgemacht werden. So ist dies nichts als die in der Krise parlamentarisch exekutierte Ideologie der Volksgemeinschaft.
So ist auch die vermeintlich «gegen oben» gerichtete Wut auf raffgierige Manager, Spekulanten oder abgehobene Politiker die Wut auf die Differenz, auf die, die nicht die Funktionalität des Ganzen gewährleisten, sondern sich oberhalb der Gemeinschaft einnisten. Diese sollen gefälligst ins eigene Elend heruntergezogen werden, Verzicht und Bescheidenheit werden gefordert. Trotz der heute offensichtlichen Möglichkeiten eines Lebens in Wohlstand für alle, wird die Forderung danach heute mit dem müden Lächeln abgefertigt, dass jene an den Tag legen, die ebenso wie das eigene Funktionieren, das Funktionieren des ganzen Wahnsinns zu ihrem ureigenen Anliegen gemacht haben. Kritik, die ihrem Begriff gerecht werden will, muss die Totalität des Kapitalismus zum Objekt haben. Sie kann sich nicht an austauschbaren Posten der Hierarchie abarbeiten, um, das Ressentiment bedienend, Massen auf die Strasse zu bringen. Herrschaft ist im Kapitalismus nicht persönliche sondern abstrakte, welche sich, über den Wert vermittelt, „hinter dem Rücken“ der Menschen abspielt. Wenn der Begriff des Kapitals als gesellschaftlicher Prozess (und Herrschaftsverhältnis und -reproduktion) fehlt, muss sich die Kapitalismuskritik zwangsläufig an konkretem festmachen. Diese fetischisierte, personalisierte Kritik findet ihren äussersten Ausdruck in der Verschwörungstheorie der Antisemiten, wo sich die Gesellschaftsstruktur und die Herrschaftsverhältnisse, im ideologisierten Blick, an den hinter den Kulissen agierenden Juden festmachen.
Die Klasse, zentrale Kategorie und Antagonismus des Kapitalismus, verliert an materieller Kraft. In der Massengesellschaft kommt die Klassengesellschaft zu sich selbst, die Klassen bestehen fort, ihre Existenz verschwindet aber aus dem Bewusstsein der Individuen. Der Klassenkampf der bewusste Subjekte auf beiden Seiten voraussetzt, findet heute unbewusst unterhalb der Klassengrenzen im Kampf gegen «Volks»,- und «Wirtschaftsschädlinge» statt. Die Ultima Ratio scheint für den Ausgebeuteten nicht die Überwindung des falschen Ganzen, sondern die Unterordnung unter den Gesamtbetrieb. Die Proletarier haben mehr zu verlieren als nur ihre Ketten, die Produktivkraftzuwächse des Kapitalismus sind ihnen als Sozialstaat und Almosen zuteil geworden. Die Identifikation mit der Volkswirtschaft, mit der Macht der eignen Herrschenden fügt jeden Einzelnen ein in die Masse der Bewusstlosen. «Dies sich Gleichmachen, Zivilisieren, Einfügen verbraucht all die Energie, die es anders machen könnte, bis aus der bedingten Allmenschlichkeit die Barbarei hervortritt, die sie ist» (Theodor W. Adorno). Wenn in der Krise die Verschärfung des Klassenantagonismus auf der objektiven Seite nicht ihre Entsprechung im Bewusstsein findet, so Verwirklicht sich die ideologische Kategorie des «Volkes» als organischer Körper, der das Fremde ausscheidet.
Einerseits bieten die staatlichen Sicherungssysteme heute noch eine gewisse materielle Sicherheit. Trotzdem muss in den Protesten, die sich gegen den Abbau des Sozialstaates formieren genau jener Sozialstaat und seine logische Folge – die Sozialpartnerschaft – als Voraussetzung der Volksgemeinschaft kritisiert werden. Es wäre so dringend das falsche Ganze – auf der Höhe der Produktivkraftentwicklung – komplett abzuschaffen, das Gute Leben für alle zu fordern. Es geht um die Befreiung des konkreten Individuums. Nicht das Proletariat – welches aufzuheben ist – soll zu sich selber kommen, sondern der Mensch als denkendes Wesen. Es geht nicht darum, Systeme zu entwerfen, sondern darum aus der Kritik eine Praxis zu entwickeln, die darauf abzielt, «den Versuch zumindest zu unternehmen, den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzubauen, wie ein gutausgeschlafener, vernünftiger Mensch den Tag antritt» (Walter Benjamin).