Klassenkampf als Subjekt der Geschichte – Die operaistische Kapital-Lektüre

Vortrag und Diskussion mit Christian Frings
Dienstag, 21. Mai ab 19.30 Uhr

Grüner Saal, Volkshaus Zürich

Nach der Veröffentlichung des ersten Bands des „Kapitals“ von Marx 1867 geriet in der sozialistischen Bewegung fast hundert Jahre in Vergessenheit, was den eigentlichen Clou dieser theoretischen Dechiffrierung des Kapitalismus ausmachte: die Zentralität des alltäglichen Konflikts im Produktionsprozess als dem treibenden Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Die im „Kapital“ enthaltene Kritik der Technologie und Organisation der kapitalistischen Produktionsweise als Methode der Beherrschung und Kommandierung lebendiger Arbeit wurde geflissentlich übersehen; an ihre Stelle trat die unkritische Begeisterung für die neuen Produktivkräfte und innovativen Produkte, mit denen der Kapitalismus die Grundlagen für eine freie Gesellschaft im Selbstlauf schaffen würde. „Kommunismus = Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ war die simple Formel dieser Auffassung. Auf theoretischer Ebene wurde die Dynamik der ständigen technologischen Erneuerungen ähnlich unkritisch aus dem Kapital selbst, bzw. der Konkurrenz unter den Kapitalisten erklärt. Die eigentlichen Subjekte, die das ganze technologische Arsenal überhaupt erst ans Laufen brachten, die Arbeiterinnen und Arbeiter im unmittelbaren Produktionsprozess, blieben in dieser an der bürgerlichen Ökonomie orientierten Auffassung bloße Zaungäste der historischen Entwicklung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet dieser „orthodoxe“ Marxismus an verschiedenen Punkten in die Krise: Die kapitalistische Technologie hatte in Krieg und Massenmord ihre zerstörerische Produktivität zur Schau gestellt, und mit den Arbeiteraufständen in Ostdeutschland, Ungarn und Polen 1953/1956 konnte sich die „Sowjetmacht“ nicht mehr als Repräsentation der Arbeiterinteressen darstellen. Eine der interessantesten Versuche, den Marxismus zu erneuern und dabei das „Kapital“ von Marx wieder ganz neu zu lesen, war der frühe „Operaismus“ um die Zeitschriften „Quaderni Rossi“ und „Classe Operaia“. Sie nahmen die Analyse des Produktionsprozesses und des permanenten Konflikts um das „Auspumpen“ von Mehrarbeit wieder ernst und rückten damit die Subjektivität und Autonomie der Arbeiterklasse in den Mittelpunkt. Heute wird in den Sozialwissenschaften überall das Verhältnis von „Struktur“ und „Agency“ kritisch diskutiert und nach der Rolle der menschlichen Subjekte in der historischen Entwicklung gefragt – der Operaismus war einer der frühen Wendepunkte zu dieser neuen theoretischen Tendenz. Sie ist selbst Ausdruck einer tendenziell zunehmenden Macht der proletarischen Massen gegenüber der fetischhaften Macht des Kapitals, die sich heute in den globalen Kämpfen in der Weltwirtschaftskrise seit 2007 zeigt. Um diese Tendenz theoretisch zu begreifen, ist die „kopernikanische Wende“, die der Operaismus in seiner Marx-Lektüre vollzog, immer noch oder wieder von höchster Aktualität.

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