Keinen Finger krumm für diese Gesellschaft

Gegen Staat, Kapital und Lohnarbeit
Flugblatt zum 1. Mai 2005

Ich konnte heute Abend nicht arbeiten gehen, weil ich nicht aufhören konnte zu leben.

– Charles Bukowski

Der Wecker reisst einen mit seinem erbarmungslosen Schrillen aus den angenehmen Träumen. Das Morgenessen muss ausgelassen werden, da man sich wieder fünfmal hin- und hergewälzt hat. Der Bus zur Arbeit ist überpünktlich und es bleibt keine Zeit mehr, ein Billett zu lösen. Natürlich findet genau an diesem Morgen eine Billettkontrolle statt und der Kontrolleur – selbst gestresst – stellt, vor sich hinfluchend, einen Bussenzettel aus. Fünf Minuten zu spät im Büro angekommen, hält der Chef eine Moralpredigt, dass man sich in der heutigen Zeit keine Verspätung mehr leisten könne, es würden zehn andere auf diesen Job warten. Montagmorgen und schon ist wieder die ganze Woche im Eimer! Warum tun wir uns das eigentlich an?

Bereits als Kind lernt man, dass es in einem Laden zwar viele schöne Dinge auf einem Haufen hat, diese aber nicht einfach mitgenommen werden dürfen. Was man in jungen Jahren der Bosheit der Eltern anlastet, ist die erste Lektion in Sachen Eigentum. Beim Heranwachsen wird man sich bewusst, dass man für alles, was man haben will, auch Geld zu bezahlen hat. Wer nicht zufällig Sohn oder Tochter eines Fabrikbesitzers oder einer Grossaktionärin ist, dem oder der dämmerts auch schon langsam, dass man für das benötigte Geld künftig die eigene Zeit in Form von seiner Arbeitskraft zu verkaufen hat. In der Schule wird man dann gezwungen, die restlichen Regeln der kapitalistischen Gesellschaft zu erlernen. Mittels Noten werden Konkurrenz und Disziplin, welche später beim Verkauf der Arbeitskraft eine grosse Rolle spielen, eingeübt. Hier muss man auch schon die Weichen für die Zukunft stellen und sich für eine Lehre oder für die Matura entscheiden. Wer Akademiker als Eltern hat und fürs Studium einen Batzen auf der Seite, der oder die kann sich für zweiteres entscheiden und wird sich erst nach einigen Jahren in einem Studienvakuum auf dem Arbeitsmarkt verkaufen müssen – entweder als gut bezahlte intellektuelle HilfsarbeiterIn oder als StabilisatorIn dieser Gesellschaft. Den meisten aber bleibt dieser Weg ohnehin verwehrt. Fällt die «Wahl» auf eine Lehre, so geht es weitere Jahre unten durch. Zwar arbeitet der Lehrling oder die Lehrtochter im Betrieb meist mit wie einE ArbeiterIn und macht in der Regel die Drecksarbeit, verdient aber nur einen kümmerlichen Lohn. Ausserdem ist die Ausbildung noch nicht abgeschlossen und man muss neben der Arbeit auch noch die Schulbank drücken. Falls dieser Ausbildungsprozess einmal abgeschlossen ist, sehen die Aussichten für die Zukunft auch nicht rosig aus: Wenn man «Glück» hat und die Unternehmen so gnädig sind, einen auszubeuten*, so wird man acht Stunden pro Tag, fünf Tage in der Woche arbeiten. Bis mit 65 Jahren – falls bis dahin das Rentenalter nicht weiter erhöht wurde – die Pensionierung winkt. Hier kann man sich dann endlich ganz dem kaputten Rücken, den verschlissenen Augen oder dem Magengeschwür widmen, je nachdem, ob man auf dem Bau, vor dem PC oder in einem Callcenter gearbeitet hat.

Wer nicht mehr voll funktionsfähig ist oder nicht mehr gebraucht wird, findet sich auf der Strasse wieder und ist arbeitslos. Da man Mittel zum Leben braucht und all die Sachen in den Regalen der Supermärkte ja das Eigentum von irgendwem sind, kann man aber nicht einfach ausgedehnte Ferien machen, sondern muss sich auf dem Arbeitslosenamt melden. Wer etwas Geld auf der Seite hat, kann das nun aufzehren, aber wehe, wenn man sich erst danach bei der Arbeitslosenkasse meldet. Dann hat man Rechenschaft abzulegen, was man in der vergangenen arbeitsfreien Zeit so getrieben hat und muss mit Monaten ohne Beitragszahlungen rechnen. Die Aufgabe der Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess übernimmt der Staat in Form des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV). Das RAV wird zur entscheidenden Instanz: Wer sich seinen Anforderungen nicht fügt, dem oder der werden gnadenlos die Beiträge gekürzt. So ist man zwangsläufig damit beschäftigt, endlos Bewerbungen zu schreiben, Kurse zu besuchen und verblödenden Arbeitslosenprogrammen nachzugehen. Wie in einem gigantischen Trainingsprogramm werden die Arbeitslosen fit gehalten, damit sie in die Bresche einer freien Stelle springen können, falls ihre Arbeitskraft benötigt wird. Als «industrielle Reservearmee» üben sie ständigen Druck auf diejenigen aus, die noch einen Job haben. Heute nimmt die Arbeitslosigkeit für den Kapitalismus immer bedrohlichere Ausmasse an: Die Arbeitslosenzahl des Statistischen Amts für das Jahr 2004 von 153’000 (4% der arbeitsfähigen Bevölkerung) erfasst nur die beim RAV registrierten und nicht die im Reproduktionsbereich (Haushalt etc.) tätigen. Auf diese ist der Kapitalismus angewiesen, da sie gratis und franko die Arbeitskräfte (ver)pflegen und arbeitsfähig halten. Des Weiteren fallen raus: die Ausgesteuerten (jährlich über 30’000), die Temporärbeschäftigten, die Schwarzarbeitenden und all jene, die sich nicht in die Mühlen des staatlich vermittelten Arbeitszwanges integrieren wollen oder können. Um eine einigermassen wirklichkeitsnahe Arbeitslosenzahl zu erhalten, müsste man die vorliegende mindestens verdoppeln.

Die Arbeitslosigkeit ist ein Zustand, der im Kapitalismus nicht behoben werden kann. Einerseits schafft der Kapitalismus einen beständigen Fortschritt der Produktivkraft (Maschinen, Automatisierung, Rationalisierung des Produktionsprozesses, etc.), welcher uns weitgehend vom Mühsal der Arbeit befreien könnte, da dadurch immer weniger menschliche Arbeit notwendig wäre, um das Benötigte zu produzieren. Weil aber (siehe Fussnote) der Kapitalismus angewiesen ist auf die Ausbeutung von ArbeiterInnen, ist es innerhalb dieses Systems nicht möglich, die Leute kollektiv von der Arbeit zu befreien, also die Arbeitszeit immer mehr zu senken und eine Form freier Tätigkeit zu entwickeln. Dadurch wirkt sich der Fortschritt der Produktivkraft für die ArbeiterInnen als Nachteil aus, weil immer mehr einzelne ArbeiterInnen von Entlassungen betroffen sind, während die verbleibenden einer zunehmenden Arbeitshetze unterworfen werden und selber ständig von der Entlassung bedroht sind.

Heute werden all jene, die aus dem Produktionsprozess verdrängt wurden, als Parasiten wahrgenommen, weil sie den Staatshaushalt belasten. Begriffe wie «Sozialschmarotzer» oder Faulenzer prägen die öffentlichen Debatten. Kein Wunder werden Stimmen laut, die, wie zum Beispiel der FDP-Nationalrat Otto Ineichen in seinem neuen Buch, fordern: die «Arbeit muss wieder ins Zentrum rücken» und «für gewisse Branchen müssen 42-Stunden-Wochen wieder zum Regelfall» werden. Während die Zahl der Working Poor – also derer, die trotz Arbeit keinen «lebenssichernden Unterhalt» verdienen – steigt, versteigt sich die politische Klasse in offene Drohungen an alle Arbeitslosen, denen man entgegenhält: «angebotene Arbeit darf nicht mehr verweigert werden» (Ineichen). Frei nach dem biblischen Motto: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.»

Es wird so getan, als habe Arbeit schon immer diese zentrale Stellung im menschlichen Leben eingenommen. Dabei beweist ein Blick in die Geschichte der Arbeit, dass diese erst in den letzten 200 Jahren eine so wichtige Rolle eingenommen hat. Schon die Wortgeschichte zeigt dies auf, stand doch der Begriff der «Arbeit» im Mittel- und Althochdeutschen noch für «Mühsal» oder «Strapazen». Natürlich war der Anbau von Kartoffeln schon immer notwendig um zu Überleben, wenn wir heute auch – dank Maschinen und Computer – selbst diese Tätigkeit auf ein Minimum reduzieren könnten. Arbeit wurde aber meist als notwendiges Übel begriffen. In der kapitalistischen Gesellschaft wird der Arbeit ein Wert an sich angedichtet: «Man ist Wert, was man verdient». Und genau darauf bezieht sich unsere Kritik: auf die stumpfe und demütigende Tätigkeit, die nicht einem eigenen Ziel folgt, sondern die man erfüllt, um einen Lohn zu erhalten. Arbeit ist langweilig, stressig, schädigt die Gesundheit und ist zudem längst nicht mehr in diesem Ausmass nötig, um den gesellschaftlichen Reichtum zu produzieren. Sie ist abzuschaffen und die notwendige Tätigkeit, deren Organisation an den Bedürfnissen der Menschen zu orientieren ist, mit Hilfe der vorhandenen Maschinen und Computer für alle auf ein Minimum zu reduzieren. Natürlich auf einem angenehmen Lebensstandard für alle, wir wollen schliesslich im Winter nicht frieren und auch gerne mal ins Kino oder ins Schwimmbad.

Wer aber individuell aus den bestehenden (Arbeits)-Zwangsverhältnissen ausbrechen will, braucht entweder ein dickes Portemonnaie, welches wiederum meist vom Besitz an Produktionsmitteln abhängig ist, oder er verstösst gegen die Regeln des Kapitalismus. Hier erst zeigt sich die Gewaltförmigkeit dieser Gesellschaft, wenn nämlich Gummiknüppel und Gefängniszelle zum Einsatz kommen, weil man gegen das Heiligtum der Privateigentums verstösst und die benötigten Lebensmittel im Laden klaut oder in einem leerstehenden Haus gratis wohnt. Nur gemeinsam gibt es eine Perspektive zur Überwindung dieser Zustände, zur Überwindung des Kapitalismus. «Für diese Gesellschaft keinen Finger krumm» heisst auch, sich darüber bewusst werden, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter den Reichtum dieser Gesellschaft und damit das weitere Funktionieren des Kapitalismus immer wieder aufs neue produzieren. Genau darin liegt jedoch auch unsere Stärke. Nur der Klassenkampf kann dieses System ins Schwanken bringen. Aber nicht ein Kampf zur Befreiung der Arbeit, sondern zur Befreiung des Menschen. Also ein Klassenkampf gegen die Arbeit!

* Ausbeutung verstehen wir nicht als moralischen Begriff. Es geht schlicht darum, die Tatsache zu bezeichnen, dass der Arbeiter und die Arbeiterin weniger an Lohn erhalten, als sie durch ihre Arbeitskraft produzieren. Aus dieser Differenz kommt der Mehrwert, auf den jedes Unternehmen angewiesen ist, um überhaupt Profit zu machen (von einigen Schwankungen und Extras abgesehen).

Für die Assoziation der Freien und Gleichen!