Geschichte und Praxis des Linksradikalismus

Referat von Gerhard Hanloser (Organisiert von Eiszeit; Am 16. April 2005)

Ein überblickhafter Versuch

von Gerhard Hanloser

Thesen

  1. Der Rätekommunismus entstand aus der Konfrontation mit dem bolschewistischen Revolutionsmodell von 1918. Gegen die jakobinische Machtpolitik der Bolschewiki und die staatskapitalistische Industrialisierungspolitik hielt er die Räte und die Spontanität der Proletarier als positive Bezugspunkte hoch. Das Behaupten einer bloßen Spontanität der Arbeiterklasse wurde dabei oft zum Dogma. Der Bezug auf die Räte war einer bestimmten historischen Phase des Kapitalismus und dieser Arbeitsorganisation verhaftet und mündete in unkritischen Positionen zur Arbeit und der Frage der Verteilung und „Ökonomie der Zeit“ im Kommunismus.
  2. Der Situationismus nahm viele Momente einer modernen Kritik am kapitalistischen Alltagsleben vorweg, die 68 formuliert und praktiziert wurden. Er verband den frühmarxistischen Proletariatsbegriff mit der Räte-Idee und verblieb in der Kritik des Kapitals auf der Ebene der Zirkulation und der Ware.
  3. Der Operaismus gab aufgrund seiner Arbeiterfixierung eine andere Antwort auf die Kämpfe um 1968 als der Situationismus. Er konnte eine historisch flexible Formulierung des Klassenantagonismus hervorbringen, weil er diesen auf das Begriffspaar Produktionsweise – Rebellionsweise brachte und immer die je aktuelle Klassenzusammensetzung zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen machte. In seinen frühen Schriften kam er einer radikalen Kritik des Kapitals, auch in seiner technischen und stofflichen Gestalt (Maschinerie), sehr nahe.

zu 1.

„Seit 1789 haben sich in jeder Revolution spontan Räte gebildet, ohne dass irgendeiner der Beteiligten je wusste, dass es dies schon einmal gegeben hat, ohne dass es auch nur einem eingefallen wäre, was sich spontan ereignete, in Gedanken zu fassen“, schrieb Hannah Arendt. Die bürgerliche Philosophin hielt vom Bolschewismus in der Sowjetunion genauso wenig wie die linkskommunistischen Revolutionäre. Letztere versuchten jedoch genau diese spontane Manifestation von Arbeitermacht in Gedanken zu fassen und zum Ausgangspunkt jeder Überlegung über die Revolution zu machen. Während des zaghaften Revolutionsversuchs 1905 wurden in Russland sogenannte Sowjets, also Räte gegründet. Die Bolschewiki nahmen im roten Oktober zusammen mit den linken Sozialrevolutionären unter der Parole „Alle Macht den Räten!“ den weiteren Verlauf der Revolution in die Hand. Überall dort, wo imperialistischer Krieg, Ausbeutung und Bourgeoisie-Herrschaft angegriffen wurden und ihre Legitimation verloren ging, bildeten sich Räte.

Doch die von Lenin angeführte Dritte Internationale wollte den Gesamtvertretungsanspruch der bolschewistischen Partei durchsetzen, Lenin schraubte die Macht der Räte zurück, diffamierte Kritiker von links als „Dummköpfe“ und wollte sie aus ihren Reihen ausgrenzen. Die Schrift „Der „linke Radikalismus“ – Die Kinderkrankheit im Kommunismus“ ist hierfür ein trauriges doch interessantes Beispiel. Sie zeigt, dass es innerhalb der damaligen revolutionären Linken durchaus Kritiker des Bolschewismus gab, deren Kritik „von links“ kam und mit der sich auseinander zu setzten selbst Lenin nicht zu schade war. In seiner 1920 veröffentlichten Schrift befasst sich Lenin mit verschiedenen linksradikalen Strömungen der weltweiten revolutionären Bewegung: zum einen mit den Anarchisten, die individuellen Terror befürworteten, mit den linken Sozialrevolutionären, die die armen Bauernmassen als revolutionäres Subjekt ansahen und die westlichen Linkskommunisten und Rätekommunisten, die Parlamentarismus und Parteienherrschaft radikal ablehnten. Lenin konnte den Vorteil des Erfolgs geltend machen: immerhin war er der Führer der bislang einzigen gelungenen kommunistischen Revolution. Dieser Erfolg soll mittels eines Patentrezepts erreicht worden sein: „ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei“ wär alles nichts geworden. Der Hinweis auf die „Disziplin“ wird in der Folge das am häufigsten bemühte Argument von Parteikommunisten sein, wenn sie den Linksradikalismus kritisieren wollten – doch die Frage war: Disziplin wofür? Es sollte klar sein, dass Lenin als russischer Sozialdemokrat die Disziplin als notwendiges Mittel zum Aufbau einer Arbeitsdiktatur vor Augen hatte. Gemessen daran vielen die Antworten der Rätekommunisten teilweise zu sanft aus, z.b. Hermann Gorter in seinem „Offenen Brief an den Genossen Lenin“. Gorter war neben Anton Pannekoek einer der wichtigsten Vertreter des Linkskommunismus und hatte in der Kommunikation zwischen holländischen Rätekommunisten und deutschen Kommunisten der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) eine wichtige Scharnierposition inne. Anfangs, so bekennt Gorter, habe er nach Lektüre der Broschüre gedacht, dass das alles schon richtig ist, was der Genosse Lenin schreibt, doch nach einigen Überlegungen ist er nun zu dem Entschluss gekommen, dass Lenins Ausgangsüberlegung einfach nicht richtig ist. Dass das was in Russland geschehen ist „internationale Geltung“ haben soll, wie Lenin in Erfolgseuphorie verkündete, provoziert seinen größten Einspruch. „Sie urteilen“, so formuliert Gorter bescheiden „wie ich glaube, nicht richtig über die Übereinstimmung der westeuropäischen Revolution mit der russischen“, denn in Westeuropa sind die Bauern eine verschwindende und keineswegs revolutionäre Kraft, die Arbeiter werden ganz alleine die Revolution machen müssen. Die Politik der Linksradikalen stärkt die Ansicht, dass „auf sie alles ankommt, dass sie von fremder Hilfe anderer Klassen nicht, von Führern wenig, von sich selbst aber alles erwarten sollen.“ Auch die Spontanitätstheorie – die in Deutschland am prominentesten durch Rosa Luxemburg stark gemacht wird – will Gorter nicht verabsolutiert – und damit ist er auch den heutigen Rätekommunisten, die den Spontanitätsgedanken als Dogma behandeln, überlegen. Man suche ja, so bekennt Gorter, in Holland und Deutschland die richtigen Führer, die „nicht über die Massen herrschen wollen und die sie nicht verraten, und solange wir diese nicht haben, wollen wir alles von unten auf und durch die Diktatur der Massen selbst“. „Ist die Dritte Internationale der Bund des revolutionären Weltproletariats, dann wird sich dieses Proletariat eins fühlen mit ihr, ganz gleich, ob es schon formell angeschlossen ist oder nicht. Tritt die Dritte Internationale jedoch auf mit der Vollmacht der Zentralgewalt eines Landes, dann trägt sie den Todeskeim in sich und wird die Weltrevolution hemmen. Die Revolution ist die Angelegenheit des Proletariats als Klasse; die soziale Revolution ist keine Parteisache!“, so Franz Pfemfert, der antimilitaristische und linkskommunistische Herausgeber der Zeitschrift Die Aktion. Paul Mattick, einer der agilsten rätekommunistischen Theoretiker, hielt so auch fest, dass Lenins negative Einstellung zum Problem der Spontaneität in der linken Opposition des Westens nur befremdend wirken konnte. Denn gerade hier hoffte man auf die Spontaneität „um dem entnervenden Einfluss der offiziellen Arbeiterbewegung die revolutionäre Frische proletarischer Selbstinitiative entgegenzusetzen“. Die Räte waren für alle Revolutionäre aber gerade der Ausdruck der Spontaneität der Klasse. Als sich 1921 in Kronstadt die Bevölkerung gegen die Parteiherrschaft und für die Räte stark machte, war dies ein Beweis, wie sehr sich die bolschewistische Partei vom Anfangsimpetus der Revolution gelöst hatte. Die Rätekommunisten erkannten im Gegensatz zu den Trotzkisten, dass die Kronstädter keineswegs die bürgerliche Demokratie aufrichten wollten. Für sie war die Kronstadter Revolte ein proletarischer Ausläufer in einer Revolution, die auf einen autoritären Staatskapitalismus hinauslief. Wie für Anton Pannekoek, einen der Gründerväter des Rätekommunismus, war für Paul Mattick im rückständigen Russland im Gegensatz zum Westen keine proletarische Revolution möglich und so beschrieben die Rätekommunisten die bolschewistische Revolution auch als bürgerliche Revolution, die von einer jakobinischen Partei, den Bolschewiki, an- und durchgeführt wurde. Der Bolschewismus war in ihren Augen keineswegs der Antipode zur legalistischen, korrumpierten deutschen Sozialdemokratie. Schon in der deutschen Sozialdemokratie konstatierten Rätekommunisten eine autoritäre Staatsvergötzung, besonders bei Lassalle, der sich für ein sozialistisch gewandeltes preußisches Königtum aussprach. Diesen Etatismus entdeckten sie bei den Bolschewiki wieder, alles sollte bei ihnen staatlich-dirigistisch kontrolliert sein: meinte nicht auch Lenin, dass der Sozialismus wie die deutsche Post funktionieren sollte?

Der Ideologisierung des russischen Marxismus hielten die Rätekommunisten den autonomen Klassenkampf jenseits von Gewerkschaften und Parteien entgegen. Cajo Brendel, einer der wenigen noch lebenden holländischen Rätekommunisten, brachte seine Position kurz und knapp auf den Punkt: „Wir treten also nicht als Vorhut der Arbeiter, wie es die Maoisten, die Trotzkisten tun, auf. Nach unserer Meinung ist eine derartige Handlung im Klassenkampf eine nachteilige, weil damit immer die selbstständige Bestimmung des Arbeiterkampfes verzögert wird. Man soll auch nie vergessen, dass Arbeiter nicht kämpfen, weil sie das Kapital gelesen haben, sondern weil sie ihre eigenen Interessen aus ihrer unmittelbaren Erfahrung vertreten.“

Und dieses Interesse der Arbeiterklasse war der Dreh- und Angelpunkt aller Analysen der Rätekommunisten. Arbeiter, Bauern und unterdrückte Völker wollte Lenin zusammenführen. Doch für die Rätekommunisten war dies eine unzulässige Aufweichung revolutionärer Positionen: gegenüber den Bauern blieben sie skeptisch und „Völker“ galt es nicht zu befreien, sondern lediglich die ausgebeuteten Arbeiter. Wie schon Rosa Luxemburg, die das „famose Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ scharf attackierte, weil hier der Gedanke des Klassenkampfs vor dem nationalen Gedanken kapituliert, hielt man von der anti-imperialistischen Hinwendung zu den unterdrückten Völkern nicht viel.

Ein Problem des Rätekommunismus war, dass er der Selbstverwaltungsideologie verhaftet war, und damit einer kapitalistischen Phase, die der formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapitalverhältnis folgt, in dieser Phase sind die Arbeiter noch Herr über die Produktion und daraus entsteht ein Revolutionsmodell, dass die Übernahme der toten geronnenen Arbeit, der Maschinerie usw. nach Beseitigung der Profit abschöpfenden Kapitalisten nahe legt. Damit verbunden war auch ein relativer Arbeitsfetischismus, der von den späteren Kämpfen der fordistischen Fabrikarbeiter in Frage gestellt wurde. In ihren Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung beziehen sie sich zwar zulässigerweise auf Marx, landen aber bei einer strikt mathematischen Berechnung der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitsleistung in Zeit für das „Reich der Notwendigkeit“ – ob dies heute in der nach-fordistischen Phase möglich ist und ob dies nach der umfassenden Kritik der modernen Gesellschaft um 1968 ff. wünschenswert ist, möchte ich in Zweifel ziehen.

Zu 2.

Gegen eine Politik der Trennung, gegen das Aufspalten des Lebens in verschiedene Sphären war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Situationistische Internationale in Frankreich entstanden. Ursprünglich in der Künstler-Szene beheimatet, emanzipierte sie sich von diesem Milieu, begriff auch die „Kunst“ und den „Künstler“ als ein Produkt der kapitalistischen Trennung und rezipierte Marx. Die Situationistische Internationale nahm bereits in den 50ern und frühen 60er Jahren einiges Vorweg, was 1967 über die alte Welt hineinbrach: eine fundamentale Infragestellung der kapitalistischen Gesellschaft indem spontan revolutionäre Situationen geschaffen werden.

Die Gruppe war stark beeinflusst vom marxistischen Kritiker des Alltagslebens, Henri Lefebvre. Der marxistische Philosoph veröffentlichte 1946 den ersten Band seines Werkes Kritik des Alltagslebens, 1961 den zweiten. Guy Debord, Kopf der SI und Autor von „Die Gesellschaft des Spektakels“, unterhielt zu ihm eine Zeit lang Kontakt. Mit ihre Kritik der Ware sind die Situationisten Vorgänger der ab Anfang der 90er Jahre von Robert Kurz und der Krisis-Gruppe reformulierten Kritik der kapitalistischen Gesellschaft als Warengesellschaft. Guy Debords Schrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ von 1967 muss durchaus in die Schriftenreihe wichtiger philosophischer Werke der radikalen Linken aufgenommen werden – an manchen Stellen ist die Schrift der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer nicht unähnlich.

Die SI beerbte den westlichen Marxismus, für den am prominentesten George Lukacs steht. Sie übten wie dieser eine Kritik des falschen Bewusstseins und machten den Begriff der Totalität stark. Bei Lukacs muss sich das Bewusstsein in der kommunistischen Partei manifestieren, die eine Gegen-Totalität zur bestehenden kapitalistischen darstellen sollte, bei der SI musste sich das „enorme Bewusstsein“ (Marx) in der SI einerseits und den Arbeiterräten andererseits ausdrücken.

Die SI hielt der „toten Warenwelt“ oftmals einen radikalen Subjektivismus entgegen, eine vitalistische positive Utopie wie sie besonders in den Schriften von Raoul Vaneigem zum Ausdruck kommt. Vaneigem, der zuletzt 1990 die Streitschrift „An die Lebenden!“ veröffentlichte, wurde Anfang der 70er Jahre mit seinem „Handbuch der Lebenskunst für die junge Generation“ bekannt. Reine, unverstellte Lust, die jede Dominanz und Macht zu verhindern trachtet, wurde von ihm der toten kapitalistischen Gesellschaft entgegen gehalten.

Für die SI war das Proletariat immer noch Hoffnung und Subjekt-Objekt der Revolution zugleich, die Initialzündung konnten aber auch nicht-lohnabhängige Gesellschaftsschichten geben. Schließlich liegt der revolutionäre Funke nicht mehr in der Ausbeutung allein, sondern im Elend der sozialen Beziehungen. Studenten mochte die SI nicht besonders, die schärfste Schrift von ihnen ist „Über das Elend im Studentenmilieu (betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, psychologischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel, ihm abzuhelfen)“ – eine Schrift, die man aber auch als gelungene Selbstkritik des eigenen entfremdeten Zustands lesen kann.

Rätebildung und Abschaffung der Lohnarbeit und aller Institutionen, die darauf vorbereiten – das war das Programm der „Situs“, es ging ihnen darum, vom revolutionären Generalstreik zur generalisierten Selbstverwaltung zu gelangen. Doch auch die alte Forderung der anarchistischen und Rätebewegung nach Selbstverwaltung wurde revolutionär transzendiert:„Die Selbstverwaltung der Warenentfremdung würde aus allen Menschen bloße Programmierer ihres eigenen Überlebens machen: Die Quadratur des Kreises. Folglich würde die Aufgabe der Arbeiterräte nicht die Selbstverwaltung der bestehenden Welt, sondern ihre ununterbrochene, qualitative Umwandlung sein: die konkrete Aufhebung der Ware (als gigantische Umlenkung der Produktion des Menschen durch sich selbst). Diese Aufhebung impliziert selbstverständlich die Abschaffung der Arbeit und ihre Ersetzung durch einen neuen Typ freier Tätigkeit, also die Abschaffung einer der grundsätzlichen Spaltungen der modernen Gesellschaft in eine zunehmend verdinglichte Arbeit und passiv konsumierte Freizeit.“ Zusammengefasst wurde dies im bekannten Mai-68-Spruch „Travaillez pas“ – Arbeitet nie! Die schönste Definition, wie eine moderne Revolution in hochentwickelten Gesellschaften gelingen mag, kommt so auch von dem situationistischen Sozialrevolutionär Emile Marenssin, demnach wird’s dann revolutionär, wenn die Studenten nicht mehr zukünftige Ausbeuter sein wollen und die Arbeiter nicht mehr länger Ausgebeutete.

Die Fehler der SI waren, dass sie zwar die Ware kritisierten, aber keinen Begriff von Kapital und Kritik des Kapitals gewinnen konnten, dies Kritisierte bereits der bordigistische Theoretiker Gilles Dauve Dauvé hat bereits in den 70ern treffend beschrieben:

Die SI „stellt sich die Gesellschaft und ihren Umsturz aus dem Zusammenhang nicht-lohnabhängiger Gesellschaftsschichten vor“. Der revolutionäre Funke liegt nicht mehr in der Ausbeutung, sondern im Elend der sozialen Beziehungen. „Die SI vermittelt (seinem Publikum) den Eindruck, dass die wesentliche Realität in den unmittelbaren Beziehungen zwischen den Subjekten liegt, und dass die revolutionäre Aktion darin besteht, auf dieser Ebene eine Radikalität zu entwickeln, insbesondere durch die Flucht aus der Lohnarbeit“.

Bei der SI ist der Proletariatsbegriff den Frühschriften von Marx entnommen und nur teilweise der wirklichen Untersuchung der französischen und internationalen Klassenbeziehungen entnommen. Von der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie übernahmen sie einen regelrechten Rätefetischismus. Ab Anfang der 50er Jahre propagierte SoB eine konkrete Analyse des Proletariats, ihre Methode der Untersuchung nannte sie témoignages (Zeugnis, Beweis) und zielte darauf ab, dass die Arbeiter ihre Lage selbst erforschen sollten. Diese Form der praktischen, untersuchenden Kritik wurde erst wieder mit den Fabrikuntersuchungen der Operaisten aufgenommen. Bei SoB verblieb diese Kritik jedoch noch in einem produktivistischen Rahmen, der einen Reformismus der Arbeit („Humanisierung“) predigte. Den Situationisten fiel es so auch leicht sich von SoB abzugrenzen, wobei sie aber auch das Konzept der Untersuchung verwarf. SoB, die dem Marxismus industriesoziologische Erwägungen hinzufügten und die ersten Arbeiteruntersuchungen unternahmen, wurden lediglich von der SI dafür kritisiert, dass es ihnen nur um Arbeiterräte und nicht um verallgemeinerte Räte ging.

Teilweise standen jedoch die Situationisten auch kurz davor, diesen rätefetischistischen Bezugsrahmen zu sprengen: „Die Selbstverwaltung der Warenentfremdung würde aus allen Menschen bloße Programmierer ihres eigenen Überlebens machen: Die Quadratur des Kreises. Folglich würde die Aufgabe der Arbeiterräte nicht die Selbstverwaltung der bestehenden Welt, sondern ihre ununterbrochene, qualitative Umwandlung sein: die konkrete Aufhebung der Ware (als gigantische Umlenkung der Produktion des Menschen durch sich selbst). Diese Aufhebung impliziert selbstverständlich die Abschaffung der Arbeit und ihre Ersetzung durch einen neuen Typ freier Tätigkeit, also die Abschaffung einer der grundsätzlichen Spaltungen der modernen Gesellschaft in eine zunehmend verdinglichte Arbeit und passiv konsumierte Freizeit.“

Aber bereits zu der Zeit als die SI publizierte, entstand mit dem Massenarbeiter ein Arbeitertypus, der im Gegensatz zum Facharbeiter keine Selbstverwaltungsperspektive in der Produktion verfolgte. Nicht der Bezug auf die Ausbeutungskategorie und das Klassenverhältnis ist der SI vorzuwerfen , sondern ihre historisch begrenzte Räteidee und ihr philosophischer Proletariats-Begriff, der ihrer idealistischen Kritik der spektakulären Gesellschaft nur beigefügt ist. Die Warenkritik der SI und der Bezug auf den Klassenkampf stehen sich äußerlich gegenüber.

Die SI hat nämlich nirgends ausgeführt, dass die Lohnarbeit, die mehrwertkonstitutiv ist, der Verallgemeinerung der Warenform zu Grunde liegt. Die Lohnarbeit als „abstrakte Arbeit“ verweist aber auf das antagonistische Klassenverhältnis, das in der Produktion zu untersuchen ist und dort erscheinen muss.

zu 3.

Dem aus Italien kommenden Operaismus, der Arbeiteruntersuchung, ging es um den Kampf gegen die Arbeit in der Arbeit durch die ArbeiterInnen. Wie die in Frankreich angesiedelte ex-trotzkistische Gruppe Socialisme ou Barbarie um Lefort, Castoriadis und Mothé versuchte man sich in einer Mischung aus Industriesoziologie und Marxismus, wobei die Herrschaftsförmigkeit des ersteren und der Determinismus des letzteres überwunden werden sollten. Historisch war die Situation günstig, weil der geplante Kapitalismus der Nachkriegszeit sich als sozial pazifiziert und relativ krisenfrei wahrnahm und einige Unternehmen sich radikale Soziologen in den Betrieb holten, wie z.B. der Elektronikkonzern Olivetti. Dort stießen die marxistisch geschulten Soziologen auf einen Terror der Maschinerie und eine Renitenz der Arbeiter, die in der produktivkraftfetischistischen ML-Dogmatik nicht auftauchen durfte. In dem Zeitschriftenprojekt Quaderni Rossi veröffentlichten die Neomarxisten um Alquati und Panzieri ihre Ergebnisse und kamen auch zu theoretischen Erneuerungen der Marxschen Kritik. Die neuen Technikarbeiter sahen sich demnach konfrontiert mit den stupiden Arbeiten der fordistischen Großfabriken. Die Widersprüche des Arbeitsprozesses selbst wurden so als Ausgangspunkt der Kritik des Kapitalismus gewählt und diese Kritik sollte nicht von außen formuliert sein, sondern als „Selbstkritik“ in Form von Arbeiterfragebögen. Diese waren als Beschreibung, Untersuchung, Aufklärung und Radikalisierung zugleich konzipiert und waren ein philosophisch-praktische Alternative zum leninistischen Klasse-an-sich/Klasse-für-sich-Konzept, in dem sich immer eine Partei als großer Aufklärer dazwischen schieben muss. Die Theoretiker der Arbeiteruntersuchung reflektierten auf das Revival des Klassenkampfs in Form von wilden Streiks in Italien wie 1961 durch die Instandhaltungsarbeiter bei Fiat. 1962 kam es zu Massearbeiterstreiks bei FIAT und Pirelli nach der Revolte auf der Piazza Statuo in Turin. Diese ging von den Fiat-Werken aus, mündete in einem großen riot und stellte die erste Arbeiterrevolte im postfaschistischen Italien dar, an der sich einige junge PCI-Mitglieder beteiligten, die erhebliche Probleme mit ihrer legalistischen Partei bekamen.

Der neue italienische Linksradikalismus brach mit einigen italienisch-kommunistischen Gewissheiten: mit der Akzeptanz der in Jalta festgelegten Nachkriegsordnung, mit dem Sozialpazifismus der PCI, mit der Gramscianischen Vorstellung, Fließband-Fordismus wäre etwas sozialistisch anwendbares, mit dem orthodoxen Glauben, Technik sei neutral und der Sozialismus eine Planwirtschaft – denn der italienische Nachkriegskapitalismus war selbst eine solche. Anknüpfen konnte man an eine breiten Unzufriedenheit mit dem Ausbremsen der autonomen Partisanenbewegung und einer ungebrochenen Arbeitermilitanz in den Betrieben.

Mario Tronti versuchte den Marxismus wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen und wurde mit seiner Behauptung, dass die Arbeiter das Kapital antreiben und der Klassenkampf das primäre ist zum Philosoph des Operaimus. Cacciari und Bologna, die Historiker der operaistischen Bewegung, stellten heraus, dass zum alten klassischen Facharbeiter auch das reformistische Bewußtssein und ein arbeitsfetischistischer Rätegedanke gehörte, währenddessen der neue Massenarbeiter, der fordistische „Fabrikaffe“ vollends in der Arbeit entfremdet sei. Bei ihm liege kein Produzentenstolz vor, sondern der Wille zum Kampf gegen die Arbeit: Sabotage, Absentismus, wilde Streiks müssen demnach als aktuelle und ernst zu nehmende Formen des Klassenkampfs beschrieben werden.

1969 gründete sich die neo-leninistische operaistische Partei potere operaio, um der Arbeiterautonomie auf die Sprünge zu helfen. Sie propagierte offen den Kampf um mehr Lohn als ein Zusammenfallen von ökonomischem und politischem Kampf, der die Mehrwertproduktion in die Krise treiben würde. Den operaistischen Aktivisten gelang es einen Großteil der studentischen 68er-Bewegung für die Kämpfe der Arbeiter im „Heissen Herbst“ 69 zu begeistern, vor deren Werkstoren man sich in der großen Kampfzeit der italienischen Arbeiterklasse von 1969 bis 1973 wiederfand. Nanni Balestrini lieferte den Roman und die Poesie zu den Kämpfen bei Fiat: „Wir wollen alles“.

Die kopernikanischen Wenden im Marxismus, für die der Operaismus sorge, waren: zum einen wurde der subjektive Faktor wiederentdeckt – Arbeiterklasse war nicht mehr abgeleitete Größe, sondern agierende Größe. Diese Größe war keine nebulöse, sondern eine konkrete Erscheinung, die man befragen und mit der man etwas organisieren konnte, die Fragebögen boten hierfür ein geeignetes Mittel. Zum anderen wurde wirklich eine Kritik des Kapitals propagiert: die lebendige Arbeit und ihre Subjektivität findet sich konfrontiert mit dem toten Kapital – der Maschinerie. Diese ist nicht neutral, sondern ist Fleisch vom Fleische des Kapitals.

Was bleibt? Die Kritik des bolschewistischen Staatskapitalismus ist nach wie vor notwendig, um überhaupt historisch eine Perspektive zu eröffnen, was Kommunismus hieß und heute heissen könne. 1968 zeigt, dass auch Gruppen eine umfassende Kritik des entfremdeten Alltagslebens anstoßen können, die nicht unmittelbar zur Arbeiterklasse gehören. Eine Beschäftigung mit dem Operaismus eröffnet die Möglichkeit der Kritik der jeweils konkreten Arbeitssituationen durch uns selbst mit Arbeitskollegen, die zu Arbeiter/innengenoss/innen werden könnten. Der Fragebogen und die Untersuchungsidee ist dabei ein konkrete Alternative zum bloßen Archivieren des Klassenkampfes wie es heutige Rätekommunisten auf sehr verdienstvolle Art betreiben und zum Avantgarde-Gedanken des ML.