Future Now? No Future für den Kapitalismus!

Unser Flugblatt zur Jugendarbeitslosigkeitsdemo im November 2005

«Sei endlich vernünftig und fang an Bewerbungen zu schreiben!» Wer hat einen solchen Satz nicht schon von Eltern oder Lehrern gehört? Dabei fallen einem viele andere Dinge ein, die im Moment vernünftig wären: Das schöne Wetter und der frischgemähte Rasen locken zu einer Partie Fussball, die Play-Station steht verführerisch da, die KollegInnen wollen ausgehen. Stattdessen sitzt man vor dem PC und schreibt Bewerbungen für irgendeinen Scheissjob, der einen eigentlich gar nicht interessiert. Jeden Morgen finden sich im Briefkasten wieder freundliche Absagen. Die Medien verbreiten Alarmstimmung und sprechen davon, dass die Zahl der Jugendlichen ohne Lehrstelle von Jahr zu Jahr steige. Das Thema «Jugendarbeitslosigkeit» ist in aller Munde, jede/r schlaue PolitikerIn weiss dazu was zu sagen. Kurz: Das ganze ist ein einziger grosser Stress, der auf unser aller Schultern lastet.

Auf dem Weg ein «vernünftiges» Mitglied dieser Gesellschaft zu werden, müssen alle Menschen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse hinter die Anforderungen der Wirtschaft und des Staates zu stellen. Schliesslich soll man ja «bereit sein für das (Arbeits-)Leben». Unter dem Schlagwort «sei mal realistisch» wird einem schon von früh an eingetrichtert, dass es völlig unvernünftig sei, am Montagmorgen auszuschlafen, statt zur Schule zu gehen. Überhaupt ist es die Schule, in der mittels Noten beigebracht wird, dass «Konkurrenz das Geschäft belebt». Spätestens wenn der freie Nachmittag mit Mathe-Büffeln verbracht wird, damit an der Prüfung auch ja eine genügende Note herausspringt, lernt man die Segnungen der Konkurrenz zu schätzen. Die Schule dient dazu, uns für die harte Arbeitswelt zu trainieren und bereits erste Selektionen vorzunehmen. Das nennt man dann «für das Leben lernen», obwohl das Leben praktisch nur ausserhalb der Arbeit wirklich Spass macht.

Am Ende der Schule steht der Sprung ins «Erwachsenenleben», also in die Arbeitswelt, an. Die Einen haben «Glück» und setzen sich in der Konkurrenz um die Lehrstellen durch. Bald aber beginnt man an seinem «Glück» zu zweifeln. Für einen mickrigen Lohn verkauft man seine Arbeitskraft an den Betrieb. Dabei leistet man oftmals die gleiche Arbeit wie ein Ausgelernter und ist damit eine günstige Arbeitskraft. Zudem knüpft die Lehre nahtlos an die Schule an. Hier wird gelernt, sein ganzes Denken und Handeln dem Interesse der Firma unterzuordnen. Die eigenen Bedürfnisse müssen zurückgestellt und auf die spärliche Freizeit beschränkt werden. Und überhaupt hat man das «Glück», ausgebeutet zu werden nur dann, wenn durch die Arbeit mehr erwirtschaftet wird, als durch Lohn bezahlt. Nur wenn es sich für das Kapital rechnet, gibt es Jobs.

Es gibt jedoch immer mehr Menschen, denen das «Glück» ausgebeutet zu werden nicht widerfährt. Denen geht es noch dreckiger. Einerseits hat man nicht einmal den kleinen Lehrlingslohn und muss längerfristig mit Arbeitslosengeld oder mit Scheissjobs zu Scheisslöhnen auskommen. Man hat zwar keine nervigen LehrerInnen oder LehrmeisterInnen vor sich, dafür aber irgendwelche ArbeitsvermittlerInnen oder SozialarbeiterInnen. Wie in der Schule oder dem Lehrbetrieb, wird auch hier versucht die Menschen «auf die neue Situation vorzubereiten». Das heisst, man wird diszipliniert und fit gemacht für den Arbeitsmarkt. Es wird dann offen gesagt: Entweder passt du dich den Bedingungen an, oder eben: No Future! So setzt dann ein Marathon an Kursen und Beschäftigungsprogrammen ein. Hunderte von Bewerbungen für Stellen, die man hasst, müssen geschrieben werden. Dabei immer lächeln und Dankbarkeit zeigen, versteht sich.

Die meisten Menschen in diesem System können nur leben, wenn sie jede Woche fünf Tage lang ihre Arbeitskraft verkaufen. Nur so wird das Geld verdient, ohne das die Bedürfnisse nicht befriedigt werden können. Arbeit aber existiert nur dort, wo sie auch zu Gewinn führen kann. Ist der (Arbeits-) Markt jedoch mal mehr oder weniger gesättigt, wird die Zahl der vorhandenen Arbeitsplätze automatisch begrenzt. Immer wieder heisst es, wer Arbeit wolle, der bekomme sie auch und wer arbeitslos sei, der sei selber schuld.

Das ist eine Lüge, denn die Möglichkeit zu arbeiten hängt davon ab, ob mit der Arbeitskraft genügend hohe Gewinne erzielt werden können und nicht davon, wie sich der Einzelne bemüht. Zudem erfüllen die Arbeitslosen eine wichtige Funktion: Als Reserve im Hintergrund erhöhen sie den Konkurrenzdruck auf die ArbeiterInnen und erlauben dem Kapital noch mehr Gewinne durch niedrigere Löhne, mehr Überstunden und flexiblere Arbeitszeiten (Schichtbetrieb) einzufahren. Wenn die Leute Schlange stehen, um an deiner Stelle für weniger Geld zu arbeiten, wirst du wohl oder übel Lohneinbussen und längere Arbeitszeiten akzeptieren. Im Kapitalismus wird und muss es Arbeitslosigkeit immer geben.

Das ganze scheint eine Situation ohne Ausweg zu sein. Entsprechend sehen auch die Lösungsvorschläge der PolitikerInnen und der sogenannten «ExpertInnen» aus. Die SVP sieht das Problem in der Schule, welche die «Leistungsbereitschaft und Zielstrebigkeit» wieder stärker fördern müsse und von den SchulabgängerInnen fordert, ihre Lehrstellensuche solle sich «nicht an Wünschen» ausrichten. Es könne ja schliesslich nicht angehen, dass derjenige, der gerne Coiffeur würde, die Stelle als Chemiker ausschlägt. Das heisst dann konkret, die Schulen werden noch mehr auf Stress und Disziplinierung gestellt und jedEr hat jeden noch so üblen Job zu jedem Lohn zu akzeptieren (man stelle sich mal Blocher vor, wie er für 400 Franken im Monat WCs putzt). Blöd nur, wenn es gar keine offenen Stellen mehr zu besetzen gibt. Die SP fordert mehr Integrationsprojekte für die arbeits- und lehrstellenlosen Jugendlichen und appelliert an die Wirtschaft, mehr Lehrstellen zu schaffen. Also auch die, welche keine Stelle haben, sollen noch mehr Zwang unterworfen werden und in irgendwelchen blöden Projekten versauern. Hier wird man dann halt einfach ein Jahr – oder wie lange die sogenannten Integrationsprojekte dauern – später offiziell arbeitslos. In der Handelszeitung wird gar ernsthaft diskutiert, ob in Zukunft «Lehrlinge für die Lehre wieder zahlen» sollen. «Denn gerade für junge Menschen, die sonst einen schulischen Werdegang einschlagen würden, spielt die Entlöhnung während der Lehre keine Rolle.» Klar. Der Lohn ist egal, schliesslich arbeiten wir zum Spass. All diesen Lösungsvorschlägen ist neben ihrer Untauglichkeit eines gemein: sie orientieren sich am Wohl der Volkswirtschaft und interessieren sich – wenn überhaupt – nur sehr beschränkt für die Menschen, die Jobs suchen. Generell wird die Jugendarbeitslosigkeit als «soziale Zeitbombe» betrachtet. Denn für eine Gesellschaft für die ein Mensch nur dann ein Mensch ist, wenn er Arbeit hat und das auch gut findet, sind Menschen ohne Arbeit ein Gräuel. Diese könnten ja auf die Idee kommen, gegen den Zwang zur Arbeit zu rebellieren.

Von der Politik und ihren «ExpertInnen» ist keine Hilfe gegen den Arbeitszwang zu erwarten. Die Frage bleibt: Was tun? Es ist klar: Den Zwang zur Arbeit kann man innerhalb des Kapitalismus kaum umgehen und entsprechend wird man Wohl oder Übel jeden Job annehmen müssen, wenn es denn überhaupt mal einen gibt. Innerhalb dieses Jobs kann man aber versuchen, indem man sich mit den MitarbeiterInnen zusammenschliesst, dafür zu sorgen, dass man nicht jeden Dreck schlucken muss. Ausserdem soll es ja den Einen oder die Andere geben, die ihren Lebensunterhalt durch Ladendiebstahl und andere Nettigkeiten ausbessert. Eine Lösung ist das alles aber natürlich auch nicht, zumal die Bullen ziemlich stressig werden können. Eine Lösung bietet erst die Überwindung dessen, was uns alle zu praktisch lebenslanger stumpfer Arbeit zwingt. Wir müssen uns selber organisieren und dafür sorgen, dass wir nicht krüppeln müssen, um ein System am Leben zu erhalten, welches die Bedürfnisse der Menschen mit Füssen tritt. Die Möglichkeit uns mit Maschinen und vernünftiger Planung, von einem Grossteil der Arbeit zu befreien und gleichzeitig unsere Bedürfnisse wesentlich besser zu befriedigen, bietet die weit entwickelte Wirtschaft längst. Dafür müssten wir uns aber gemeinsam der Maschinen, der Häuser, des Bodens und alles Notwendigen bemächtigen. Und dabei, das ist sicher, hilft uns keine PolitikerIn und keine SozialarbeiterIn. Das müssen wir selber in die Hand nehmen!

Für die Assoziation der Freien und Gleichen!