Ein Schritt in die falsche Richtung

Eine Kritik an Lenin und der Systematisierung seiner Ideen

Der organisierte Leninismus ist eine Erscheinung, welche seit den Revolten der Achtundsechziger immer dann Auftrieb erhält, wenn gesellschaftliche Auseinandersetzungen oder politische Bewegungen abflauen und die Teilnehmenden betroffen feststellen, dass ihr – bloß im besten Falle revolutionärer – Vorwärtsdrang auf dem Boden der Realität angelangt ist. Der Reiz einer Organisierung in einer im weitesten Sinne leninistischen Gruppe oder Partei liegt auf der Hand: Ohne das theoretische Rüstzeug und die Aneignung der historischen Erfahrung revolutionärer Bewegung scheint die stark voluntaristisch geprägte Organisierungs- und Praxisform der diversen leninistischen Gruppen das aussichtsreichste Unterfangen. Die Herangehensweise an politische Fragen durch Gruppen der revolutionären Linken sind, genauer betrachtet, oft den Ideen des Leninismus verwandt, häufig allerdings ohne sich explizit auf diese zu beziehen. Die Vorstellung von der Aufklärung der Massen durch eine Minderheit, der Organisierung in einer Partei oder die Art und Weise des „Politikmachens“ weisen auf eine Verwandtschaft hin. Um dies genauer zu fassen, müsste man allerdings bis zur Aufklärung zurückgehen und die bürgerliche Vorstellungen von Politik kritisieren. Hier soll erst mal ein Verweis darauf genügen, dass der Leninismus so etwas wie die Verbürgerlichung der Praxis des Klassenkampfes darstellt. Statt also die Revolution als einen Akt der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse zu betrachten – und darunter ist der Kommunismus nicht zu haben -, wird in Kategorien der Politik, des Kampfes der Ideologien oder der Massenaufklärung gedacht.

Die Kritik dieser Vorstellungen durch dissidente kommunistische Strömungen ist heute immer noch marginal und kann hier leider auch nicht aufgerollt werden. Allerdings sollen einige der zentralen Fehler des Leninismus betrachtet und kritisiert werden: Ausgehend vom Verhältnis zum Staat sollen die damit zusammenhängenden Fehlschlüsse des leninistischen Partei- und Revolutionsverständnisses aufgezeigt werden. Zwar finden sich bei Lenin, dem Praktiker der Revolution, unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Stellen, doch sollen in diesem Text jene Gedanken behandelt werden, welche schließlich die Basis des Leninismus und seiner Derivate bildeten und heute noch bilden. Es ist eine Sache, Lenin aufgrund seiner konkreten Schriften zu kritisieren. Lenin selbst hat seine Gedanken nie zu einem kohärenten Theoriegebäude ausgearbeitet, im Gegenteil war es sein eigener Anspruch, den Marxismus möglichst orthodox anzuwenden. Der „Leninismus“ als allumfassende Theorie erblickte erst nach seinem Tod das Licht der Welt. Wie Lenins Körper in seinem Mausoleum mumifiziert der Nachwelt erhalten werden sollte, so verwandelten Stalin und Konsorten auch seine Schriften zu einem ewig gültigen Stein der Weisen. Lenin konnte wenigstens noch an seinem Anspruch gemessen werden, einen Beitrag zur Weltrevolution zu leisten. Der sich auf ihn beziehende „Marxismus-Leninismus“ war von Anfang an auf die Realisierung des Sozialismus in einem Land angelegt.

Die Bedingungen der Entstehung von Lenins Theorie sowie seine Intention können teilweise erklären, warum seine Schriften aus der Perspektive einer proletarischen Revolution frappante Mängel aufweisen. Lenin war in erster Linie praktischer Revolutionär, das heisst dass die meisten seiner Schriften dem direkten Impuls des unmittelbaren Kampfes folgten. So muss eine Auseinandersetzung mit Lenin immer die Bedingungen der russischen Revolution mitdenken. Diese Bedingungen sind gekennzeichnet durch eine wirtschaftliche Unterentwicklung im Vergleich zu Westeuropa und den USA und durch die Herrschaft des zaristischen Absolutismus. Die Betonung der Zentralisation, der eisernen Disziplin und die Geringschätzung der Spontaneität ist nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die Leninsche Theorie mag als eine Theorie der Machtübernahme unter feudalen Bedingungen durchaus folgerichtig sein. Davon ausgehend darf man jedoch nicht meinen, sie sei eine taugliche Gebrauchsanweisung zur Durchführung einer kommunistischen Revolution. Ohne der russischen Revolution ihre kommunistische Potenz absprechen zu wollen, muss man vom Ergebnis her betrachtet feststellen, dass sie nichts anderes war als eine Variante nachholender Modernisierung. Es macht gerade die Ambivalenz der Oktoberrevolution aus, dass sich die Bolschewiki auf der einen Seite vor die Aufgabe gestellt sahen, die rückständigen politischen Strukturen des Zarismus zu zerschlagen und durch neuere, dem aktuellen Stand der Entwicklung besser angepasste zu ersetzen. Auf der anderen Seite aber gab es in einigen industriellen Zentren durchaus eine Arbeiterklasse, die sich ihre eigenen Organe – die Arbeiterräte – schaffte und so ihrem Willen nach Emanzipation praktischen Ausdruck verlieh. Einhergehend mit dem allgemeinen Niedergang der weltrevolutionären Welle, verschob sich der Schwerpunkt der russischen Entwicklung mehr und mehr zugunsten der politischen Machtübernahme, der Errichtung eines neuen Staates. Der von Stalin später propagierte Leninismus schöpfte daraus seine Kraft und setzte sich schließlich gegen die gesamte Linksopposition durch. Die Parole vom „Sozialismus in einem Land“ oder der Verteidigung der „Errungenschaften der Oktoberrevolution“ waren dabei die legitimatorischen Parolen, welche diesen Prozess begleiteten.

In Bezug auf die Selbstaufhebung und Emanzipation der Arbeiterklasse ist der Leninismus aber gerade heute fatal. Die bereits beschriebene problematische Situation in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde schon von Lenin – und wird heute erst recht von leninistischen Gruppen – theoretisch verdoppelt, indem man die daraus folgenden politischen Schlüsse zum Dogma erhebt. Rosa Luxemburg schrieb in ihrer Kritik an der Russischen Revolution: „[Die Bolschewiki] haben durch ihre entschlossene revolutionäre Haltung, ihre vorbildliche Tatkraft, und ihre unverbrüchliche Treue dem internationalen Sozialismus wahrhaftig genug geleistet, was unter so verteufelt schwierigen Umständen zu leisten war. Das Gefährliche beginnt dort, wo sie aus der Not eine Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr in allen Stücken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster sozialistischer Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen.“ Rosa Luxemburg geht in ihrer Kritik allerdings nicht weit genug. Wie in diesem Text zu zeigen sein wird, ist ein Grossteil der politischen Fehler der Bolschewiki bereits in der Theorie Lenins angelegt.

I. Zum Staat

Marx und Engels hatten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Auffassungen von der Natur des bürgerlichen Staates und vom Umgang revolutionärer Bewegung mit seiner Apparatur. Im „Manifest der Kommunistischen Partei“ lassen sich beispielsweise Stellen finden, die die Erkämpfung der Demokratie in der bürgerlichen Gesellschaft zum ersten Schritt der Arbeiterrevolution verklären – eine Annahme, welche die Geschichte längst als Fehler entlarvt hat. Engels erklärt in einem Brief an Phillip van Patten, dass das Proletariat den Staat übernehmen müsse und träumte noch 1891 davon, dass der französische Staat friedlich in den Sozialismus hinüberwachsen könne. Ebenso gibt es allerdings Aussagen von Marx und von Engels, in denen sie die sofortige Zerschlagung der Staatsapparatur fordern. Will man sich nicht dem eigenartigen Wettstreit um die reinste marxsche Orthodoxie anschliessen, wie er unter vielen Intellektuellen der traditionellen Arbeiterbewegung vorherrschte, so spielt es auch keine grosse Rolle, was die beiden im 19. Jahrhundert nun zu welchem Zeitpunkt dazu genau geschrieben haben. Allerdings ist das Wissen um diese widersprüchlichen Aussagen interessant, weil Lenin in seinem Bemühen um die Bewahrung der Orthodoxie im Kampf gegen die „Renegaten“ Bebel und Kautsky eine Marx-Engels-Exegese anstrengte, in welcher er freilich nur auf die zu seiner politischen Position passenden Stellen bei Marx und Engels zurückgreift. Wenn auch manch ein Leninist mit stolz geschwellter Brust in Bezug auf Lenins „Staat und Revolution“ von einer Systematisierung der marxschen Staatstheorie spricht, kann davon bei weitem keine Rede sein. Das Hauptwerk Lenins zum Staat stellt im Wesentlichen nichts anderes dar als eine kommentierte Sammlung von Marx- und insbesondere Engels-Zitaten – er unterscheidet in seinem Buch nur ungenau – zur Frage des Staates.

Erst sei, nach Lenin, der bürgerliche Staat zu zerschlagen, dann sterbe in Folge der Aufhebung der Klassengesellschaft der an seine Stelle getretene „proletarische“ Staat ab. Er unterscheidet zwischen dem bürgerlichen Staat, welcher zerschlagen werden müsse und dem „Staat überhaupt“, welcher nur absterben könne. Was aber soll der Staat überhaupt sein? Der Staat hat immer einen spezifischen historischen Inhalt, er ist der Staat der Sklavenhalter, der Staat des Kapitals oder der Staat der kommunistischen Partei. Immer ist er die politische Form einer Gesellschaft der Klassengegensätze. Ein proletarischer Staat ist ein Unding: Das Proletariat kann nicht an der Staatsmacht, also herrschende Klasse, sein, weil es als solche nicht mehr ausgebeutete Klasse, ergo nicht mehr Proletariat wäre. Das Proletariat hebt mit seiner eigenen Aufhebung die Klassengesellschaft als solche auf. Was man als proletarischen Staat bezeichnete, war eben nur ein Staat, der von einer Partei „im Namen des Proletariats“ geführt wurde. Diese Verdoppelung der Gesellschaft in eine Repräsentations- bzw. Herrschaftssphäre musste in eine neue Klassengesellschaft führen. Soll das aber nicht geschehen, muss die Aufspaltung von Staat und Gesellschaft mit der Revolution verschwinden. Die Vermittlungsorgane der neuen Gesellschaft waren historisch die Räte: Sie waren Ausdruck der proletarischen Klassenmacht gegen die alte Welt und hätten zugleich zu Instrumenten der Selbstorganisation der neuen Gesellschaft werden können.

Wenn Lenin in Bezug auf den nachrevolutionären Staat völlig unscharf einmal von der „vollkommsten Demokratie“, dann gar vom „bürgerlichen Staat ohne Bourgeoisie“ spricht, so zeigt sich darin seine Unklarheit in Bezug auf die politische Form. Statt erst mal eine inhaltliche Bestimmung des bürgerlichen Staates vorzunehmen, die über die banale Feststellung, dass der Staat „das Produkt der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze“ sei, hinausgeht, geht Lenin direkt weiter zu den politischen Fragen von Revolution und Staat. Daraus resultiert die völlig verkürzte Vorstellung, dass der Staat ein „Organ zur Unterdrückung der einen Klasse durch die andere“ sei. Die Vorstellung eines zwangsläufigen Absterbens des „proletarischen“ Staates hängt mit dieser falschen Vorstellung zusammen, dass der Staat nicht etwa die Organisation der Gesellschaft als solche zum Inhalt hat, sondern aus Schlägern für das Kapital besteht. Diese Schläger müssten nun bloß durch solche proletarischer Natur ersetzt werden, die „besondere Formation bewaffneter Männer“ durch die „besondere Repressionsgewalt des Proletariats gegen die Bourgeoisie“. Was genau Lenin mit dieser „besonderen Repressionsgewalt des Proletariats“ meint, wird nicht ersichtlich, es ist hier aber von einer gesondert organisierten Repressionsgewalt die Rede. Es gibt in „Staat und Revolution“ zwar auch Äußerungen, die erklären, dass das „Volk (…) durch die einfache Organisation der bewaffneten Massen“ die Ausbeuter niederhalten könne. Diese Ansicht ist im Leninismus aber nicht stimmig, da sie weder mit der Vorstellung des „proletarischen Staates“ noch mit der Rolle der Partei innerhalb des Staates korrespondiert, sondern im glatten Widerspruch dazu steht.

II. Zur Partei

Lenin fügte der marxschen Theorie eine systematische Theorie der Partei hinzu. Diese taucht in „Staat und Revolution“ zwar nur am Rande auf, ist aber das wesentliche Moment zum Verständnis des Umgangs mit dem Staat im Leninismus. Wenn man sich mit der Rolle der Partei bei Lenin auseinandersetzt, stößt man zwangsläufig auf eine zentrale Frage der kommunistischen Bewegung: den Widerspruch von Spontaneität und Organisation. Was die Rätekommunisten zu Determinismus und „revolutionärem Attentismus“ geführt hat, musste im Leninismus notwendig zu einer Theorie der Machtübernahme durch die Partei gerinnen. Was bei Rosa Luxemburg die Funktion der Spontaneität war, muss bei Lenin eine revolutionäre Pädagogik der Partei leisten: Über ein tradeunionistisches Bewusstsein hinaus würde die arbeitende Klasse von sich aus nicht gelangen können. Das revolutionäre Bewusstsein müsse daher von Außen an die Massen herangetragen werden. Einer von linken Kommunisten oftmals mechanisch verstandene Dynamik der Selbstaufklärung und der Spontaneität stellt der Leninismus eine Partei gegenüber, die eine Materialisierung der kapitalistischen Krise und des Klassenkampfes darstellt. Damit verlagert Lenin die Spontaneität quasi in die Partei hinein, welche dadurch notwendig zu einem Ausdruck der Klasse wird und – weitestgehend von ihr entkoppelt – die empirische Klasse zu führen habe. Und zwar nicht, weil die Klasse die Partei oder die Partei die Klasse anerkennt, sondern weil die Partei die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung und damit auch die historische Aufgabe des Proletariats kennt. Unter diesem Aspekt ist das reale Bewusstsein der Arbeiterklasse nicht Quelle der Inspiration oder Korrektiv, sondern immer bloß Hindernis und Ausdruck der unreifen Verhältnisse. In „Staat und Revolution“ schreibt Lenin: „Durch die Erziehung der Arbeiterpartei erzieht der Marxismus die Avantgarde des Proletariats, die fähig ist, die Macht zu ergreifen und das ganze Volk zum Sozialismus zu führen, die neue Ordnung zu leiten und zu organisieren, Lehrer, Leiter, Führer aller Werktätigen und Ausgebeuteten zu sein bei der Gestaltung ihres gesellschaftlichen Lebens ohne die Bourgeoisie und gegen die Bourgeoisie.“ Vor diesem Hintergrund darf das Schicksal der Räte in der Sowjetunion nicht weiter erstaunen, auch wenn die Parole „Alle Macht den Räten“ aus taktischen Gründen bei den Bolschewiki beizeiten hoch im Kurs stand. Denn der Sieg der Revolution, in welcher die Räte notwendige Organe seien, „schafft unausweichlich andere Organe“ (Lenin; Werke Bd. 12, S. 328)

In seiner bekannten Broschüre über die Kinderkrankheit des Kommunismus schreibt Lenin: „Schon allein die Fragestellung „Diktatur der Partei oder Diktatur der Massen“ (…) zeugt von einer unglaublichen Begriffsverwirrung (…) jedermann weiß, dass die Massen sich in Klassen teilen; dass die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen, wenigstens in den modernen zivilisierten Ländern, von den politischen Parteien geführt werden; dass die politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder stabilen Gruppen der autoritativsten, einflussreichsten, erfahrensten, auf die verantwortungsvollsten Posten gestellten Personen geleitet werden, die man Führer nennt. [so dass], das ganze Gerede ob „von oben“ oder „von unten“ ob Diktatur der Führer oder Diktatur der Massen usw. als lächerlicher, kindischer Unsinn erscheinen muss“ (Lenin; Der „Linke Radikalismus“ , die Kinderkrankheit im Kommunismus). Hier zeigt sich ein weiterer Fehler Lenins: Die beständige Personalisierung gesellschaftlicher Prozesse und das damit verbundene ständige Wittern von Verrat und Verrätern. Schwerer wiegt in diesem Zusammenhang allerdings, dass Lenin das Problem des Verhältnisses zwischen Partei und Masse, welches auch die politische Funktion der Partei einschließt, einfach dadurch löst, dass er es für nichtig erklärt. In dieser Formulierung wird bereits augenscheinlich, dass die Partei als der „bewussteste Teil“ der Arbeiterklasse, zur Machtübernahme legitimiert ist, dass also die „Diktatur des Proletariats“ eine Diktatur der Partei sein muss. So schreibt Lenin dann auch, dass die „Diktatur des Proletariats“ sich nicht verwirklichen lasse durch eine Organisation, die das Proletariat in seiner Gesamtheit umfasse; im Gegenteil könne „die Diktatur […] nur durch die Avantgarde verwirklicht werden, die die revolutionäre Energie der Klasse in sich aufgenommen“ habe (Über die Gewerkschaftsfrage, die gegenwärtige Lage und die Fehler Trotzkis S.3).

III. Kritik der Ideologie

Die Arbeiter, schreibt Lenin, seien in der Auseinandersetzung mit den einzelnen Fabrikanten zwar fähig, ihre individuelle Ausbeutung zu verstehen und gegen sie zu kämpfen. Die theoretische Verallgemeinerung dieser Interessen sei ihnen aber nicht möglich und damit der Blick auf den Klassenkampf als eine über die direkten ökonomischen Interessen hinausweisende Konfrontation der Arbeiterklasse mit Kapital und Staat verstellt. Deshalb gehe das Bewusstsein der Arbeiter nicht über ein gewerkschaftliches hinaus. Dieser spontanen Arbeiterbewegung stellt nun Lenin den wissenschaftlichen Sozialismus als eigenständige Bewegung gegenüber, als „unvermeidliches Ergebnis der Ideenentwicklung der revolutionären sozialistischen Intelligenz“ (Lenin; Ausgewählte Werke Bd. 1, S. 199). Diese beiden voneinander relativ unabhängigen Bewegungen seien durch die Partei zusammenzuführen: die „spontane Volksbewegung in der Arbeiterklasse, und eine andere: die Entwicklung des gesellschaftlichen Denkens zur Theorie von Marx und Engels, zur Lehre der Sozialdemokratie“. Weil Lenin die marxsche Theorie zwar nicht als vollkommen vom ökonomischen Prozess entkoppelt, aber doch als vornehmlich der geistigen Tradition entstammend versteht, ist sie nicht mehr theoretischer Ausdruck der materiellen Entwicklungen und der proletarischen Bewegung, sondern das Produkt eines genialen Denkers. Unter diesen Voraussetzungen kann Lenin dann auch von einer „sozialistischen Ideologie“ sprechen, welche der bürgerlichen Ideologie gegenüberstehe, statt von dem Gegensatz zwischen der Einsicht in die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Erscheinungsformen an der Oberfläche.

Bei Lenin ist die Vermittlung der „sozialistischen Ideologie“ das wesentliche Moment, um welches man sich in der Partei den Kopf zu zerbrechen habe. Man müsse das Bewusstsein der Massen von oben sorgfältig mit sozialistischer Ideologie füllen, indem man taktvoll, aber zielgerichtet Propaganda betreibe. Der Erfolg dieser Politik ist laut Lenin weitgehend von der Fähigkeit der Parteifunktionäre abhängig, vor allem von ihrer Fähigkeit, die Massen nicht zu erschrecken, sondern taktisch klug auf sie einzuwirken. Darum kennzeichnet auch den Leninismus ein ambivalentes Verhältnis zu den Intellektuellen. Auf der einen Seite sollen sie fähig sein, den Massen richtiges Bewusstsein beizubringen – schließlich ist nach Lenin ja auch der Marxismus eine intellektuelle Entwicklung; auf der anderen Seite aber seien sie aufgrund ihrer Klassenlage ständig vom opportunistischen Einknicken bedroht. Auch hier zeigt sich eine stark voluntaristische und personalisierende Tendenz mit einer Fokussierung auf Taktik und Führung.

Für Lenin ist der Kampf der Ideologien eine zentrale Kategorie. Ein gerne zitierte Passage lautet: „Die Menschen waren in der Politik stets die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug, und sie werden es immer sein, solange sie nicht lernen, hinter allen möglichen moralischen, religiösen, politischen und sozialen Phrasen, Erklärungen und Versprechungen die Interessen dieser oder jener Klassen zu finden.“ (Lenin; Ausgewählte Werke Bd. 1, S. 67) Es ist nun nicht von der Hand zu weisen, dass die Interessen konkreter Kapitalfraktionen tatsächlich für allerlei ideologisches Ungemach verantwortlich sind. Aber den Selbstbetrug, das falsche Bewusstsein als mutwillig in die Welt gebracht zu betrachten, zielt meilenweit an der Realität vorbei. Es ist gerade ein wesentliches Moment der bürgerlichen Gesellschaft, dass an ihrer Oberfläche die tatsächlichen Verhältnisse mystifiziert erscheinen. Marx hat dies im Kapital – insbesondere im Fetischkapitel – grundlegend dargestellt. Darin ist die Wirkungsmacht bürgerlicher Ideologie erklärt. Kommunistische Theorie und Praxis ist keine Gegenideologie und auch keine reine Kritik der Gedanken, sondern der Versuch, nach Ansätzen zu suchen, um die praktische Selbstaufklärung und schließlich Selbstaufhebung der Klasse zu befördern.

So wie Lenin die mystifizierten Erscheinungsformen des Kapitalismus als wichtiges Problem des Klassenkampfs verkennt, so verkennt er sie auch in Bezug auf die Rolle des Einzelnen im Produktionsprozess. Aufgrund der komplizierten Struktur und der Verästelungen der Wirtschaft, in welchen der Einzelne leben müsse, sei ihm der Einblick in den gesellschaftlichen Produktionsprozess versperrt. Dies sei auch in der sozialistischen Gesellschaft so, wo die gesellschaftliche Konsequenz der einzelnen Tätigkeit dem Produzenten durch Gesellschaftswissenschaftler bewusst gemacht werden müsse. Lenin versteht nicht die spezifische kapitalistische Form des Warenfetischismus und verallgemeinert die gesellschaftliche Trennung und die Versachlichung menschlicher Beziehungen überhistorisch. Das führt dazu, dass Lenin seine revolutionspädagogischen Vorstellungen in die sozialistische Gesellschaft hinein verlängert.

IV. Zum Begriff der Revolution

Da der Revolutionsbegriff des Leninismus von der politischen Machtübernahme durch die Partei ausgeht, hinken die Massen, welche in dieser Vorstellung erst noch erzogen werden müssen, mit ihrem Bewusstsein immer hinterher. Lenin schreibt in „Staat und Revolution“: „Wir wollen die sozialistische Revolution mit den Menschen, wie sie gegenwärtig sind, den Menschen, die ohne Unterordnung, ohne Kontrolle, ohne „Aufseher und Buchhalter“ nicht auskommen werden“. Wie also den Massen vor der Revolution revolutionäres Bewusstsein eingetrichtert werden muss, müssen sie nach der Revolution überwacht und erzogen werden. Aber durch wen? Lenin macht dies gleich selbst klar: „Unterzuordnen hat man sich der bewaffneten Avantgarde aller Ausgebeuteten und Werktätigen – dem Proletariat.“ (Lenin; Ausgewählte Werke Bd. 2, S. 195) Davon abgesehen, dass der Begriff des Proletariats hier vollkommen hanebüchen benutzt wird, muss man sich schon fragen, wie sich denn das Proletariat selbst erziehen soll, wenn es selbst doch der Überwachung und Disziplinierung bedarf. Die Antwort wurde bereits gegeben – bei Lenin sind Partei und Proletariat an dieser Stelle eine Art metaphysische Einheit: Erstere ist immer politischer Ausdruck des zweiten und das zweite als Subjekt bloß existent, wenn erstere handelt.

Nimmt man den Begriff der Revolution ernst als einen Akt der radikalen gesellschaftlichen Umwälzung, dann muss man auch die notwendigen sozio-ökonomischen Veränderungen mitdenken, mit denen die sachliche Vermittlung der Verhältnisse wegfällt und damit das entscheidende Hindernis für die Einsicht der Produzenten in den gesellschaftlichen Charakter ihrer Tätigkeit. Bei Lenin muss nun diese Erkenntnis über die Avantgarde vermittelt werden, wie diese auch die gesellschaftlichen Organisation als „Lehrer, Leiter, Führer“ (Lenin; Ausgewählte Werke Bd. 2, S. 176) übernehmen muss, bis in einer höheren Stufe der Entwicklung die Massen sich die theoretischen Ansichten über den Aufbau der neuen gesellschaftlichen Probleme pädagogisch angeeignet haben. Hier zeigt sich ein utopisches Moment bei Lenin, der bei der „höheren Stufe“ des Kommunismus davon ausgeht, dass „Arbeit das erste Lebensbedürfnis“ werde, nachdem die Massen dies durch die revolutionären Lehrer gelernt hätten.

Das Bild des zu erziehenden Menschen ist, wie alle Schlüsse Lenins, auf die materiellen Bedingungen zurückzuführen, unter denen er seine theoretischen Bemühungen anstellte. In Bezug auf Russland muss wie bereits beschrieben davon ausgegangen werden, dass eine nachholende Akkumulation für die Zwecke der Bolschewiki schlicht notwendig war, dass also die Bolschewiki erledigten, was anderswo von der aufstrebenden Bourgeoisie bewerkstelligt wurde. Lenin war sich dieser Notwendigkeit bewusst, er spricht auch an mehreren Stellen davon. Allerdings bezieht sich seine ganze Theorie der Revolution auf diese Bedingungen. Auf den Punkt bringt dies ein neben dem Ausspruch von der „Elektrifizierung plus Räte“ eher unbekannt gebliebenes Diktum Lenins auf einer Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, wonach das Wesentliche des sozialistischen Staates „Rechnungsführung und Kontrolle“ sei. (Lenin; Ausgewählte Werke Bd. 2, S. 372) Dass er sich den Sozialismus als „eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn“ vorstellt und in „Staat und Revolution“ das biblische Motto „Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen“ zitiert wird, spricht in dieser Beziehung Bände.

V. Was bleibt?

Die Russische Revolution blieb wegen des Zwangs zur Industrialisierung und der fatalen gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen sowie der politischen Fehlschlüsse der Bolschewiki um eine wesentliche Dimension betrogen: Die radikale Veränderung der Beziehungen zwischen den Menschen und der Art und Weise der Produktion. Diese Momente fielen dem Zwang zur Steigerung der Produktivität zum Opfer und wurden durch eine zwangsmässige Lenkung der Arbeitermassen ersetzt. In den heutigen hochindustrialisierten Ländern ist aber die Voraussetzung eine komplett andere und das von Marx vorausgesetzte Produktionsniveau für den Aufbau des Kommunismus längst gegeben. So muss sich das Augenmerk revolutionärer Kräfte auf die tatsächliche soziale Revolution richten, auf die Veränderung der Produktionsweise und auf einen solidarischen Gesellschaftsverkehr. Es versteht sich von selbst, dass eine Revolution nicht ohne die Bewaffnung der Arbeitermassen, die sich historisch in den Räten organisierten, auskommen kann. Aber eine Kaderpartei nach leninschem Modell reproduziert unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen längst überflüssige Hierachien. Statt die Individuen zur freien und selbsttätigen Aktion zu befähigen, steht sie diesen im Weg.

Der Leninismus steht der selbständigen Praxis und Organisation der Arbeiterklasse in den Kämpfen argwöhnisch gegenüber. Die Leninistische Propaganda behandelt die kapitalistischen Erscheinungen als Indizien, welche die herrschende Klasse auf frischer Tat zu ertappen vorgibt: „Eine der Grundbedingungen für die notwendige Erweiterung der politischen Agitation ist aber die Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen. Anders als durch diese Enthüllungen kann das politische Bewusstsein und die revolutionäre Aktivität der Massen nicht herangebildet werden.“ (Lenin; Ausgewählte Werke Bd. 1, S. 231) Abstrakte ökonomische Zwangsprozesse werden auf konkrete Personen zurückgeführt und die kapitalistischen Charaktermasken als deren Ursache verklärt. Damit wird das Kapital repersonalisiert und die moralische Empörung der Massen über böse Firmenbosse mit dem politischen Widerstand zusammengeworfen. Das mag unter dem zaristischen Zwangsapparat noch sinnvoll gewesen sein, hat aber in einer derart abstrakten Zwängen unterworfenen Gesellschaft wie der heutigen tatsächlich mehr mit Manipulation zu tun denn mit der Aufhellung reeller Umstände. Genauso verfährt der Leninismus mit der Geschichte von Gewerkschaft oder Sozialdemokratie: Er reduziert sie im Wesentlichen auf eine Geschichte des individuellen Verrates und der Korruption, statt nach den tatsächlichen materiellen Bedingungen und Klasseninteressen des Reformismus zu fragen.

Die kommunistische Antwort auf den Reformismus kann nicht in einer strengeren Auswahl nicht korrumpierbarer Führer liegen. Der Demokratieapologetik der Reformisten eine Diktatur überzeugter Berufsrevolutionäre entgegenzustellen, ist bloß die andere Seite der Medaille: Beides sind Formen der Politik und der Stellvertretung. Diese politische Stellvertretung hat ihren Ursprung in der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln und dem damit verbundenen Auseinanderfallen von Politik und Ökonomie. Kommunismus ist unter der Selbstaufhebung des Proletariats und damit auch der Aufhebung der Politik als gesonderter Sphäre mit bestimmtem Personal nicht zu haben. So muss sich kommunistische Aktivität nicht bloß an den reellen Bruchstellen der Gesellschaft, sondern auch an den bisher noch marginal vorhandenen Tendenzen zur praktischen Selbstaufklärung der Klasse orientieren. Es geht dabei nicht um die Frage „Demokratie oder Diktatur“, sondern darum, ob die Arbeiterklasse im Kampf gegen ihre Existenz als ausgebeutete, arbeitende Klasse es schafft, die Trennung von Politik und Alltagspraxis in Organen der Klassenautonomie aufzuheben.