Diskussionszyklus: Krise, Staat und proletarische Bewegung

Nächstes Treffen:
Samstag, 9. Juli | 15:00 Uhr | Infoladen Kasama

Texte zur Vorbereitung: 
Aus dem Reader: «Die historische «Invarianz» des Marxismus» (Amadeo Bordiga) und «10 Thesen über Marxismus heute» (Karl Korsch)

 

Es sind mittlerweile über acht Jahre ins Land gezogen, seit wir in Zürich den Diskussionszyklus «Kommunistische Dissidenz» begonnen haben. Damals ging es uns um einen Überblick über jene in breiteren Kreisen kaum bekannten Strömungen der kommunistischen Bewegung, die sich der Rigidität des sozialdemokratischen und bolschewistischen Kanons zu entziehen versuchten. Diese Strömungen brachen zumindest in Teilen mit dem Staatsfetischismus, Autoritarismus und Elite-Denken des traditionellen Parteikommunismus und stellten teilweise auch den häufig auf Gerüchten und Dogmen basierenden Widerspruch zwischen den vernünftigen anarchistischen Tendenzen und der marxschen Analyse in Frage. Nebst der Diskussion mit einigen Teilen der radikalen Linken und einer Klärung unserer eigenen Vorstellungen wollten wir mit dem Zyklus «Kommunistische Dissidenz» diese Strömungen wieder etwas bekannter machen. Diesen Absichten sind wir bis heute treu geblieben.

Dennoch ist der vorliegende Reader keine Neuauf­lage der «Kommunistischen Dissidenz». Wir stehen heute an einem ganz anderen Punkt als damals: In einer Situation, die von einer tiefgreifenden Krise, massiven staatlichen Eingriffen und autoritären Tendenzen aber auch verschiedenen kaum vorherseh­baren sozialen Explosionen geprägt ist. Die weltweiten Zusammenhänge haben sich in der rasenden Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft in den knapp zehn Jahren unseres Bestehens enorm verändert. Die brisante aktuelle Situation erfordert bestimmte Klärungen und Diskussionen von jenen, die sich mit einer Aufhebung des Kapitalismus befassen und an der Umsetzung dieses Ziels arbeiten. Darum ist der aktuelle Zyklus auch weniger auf einen Überblick ausgerichtet, sondern geht der Frage nach, was wir in Bezug auf Staat, Krise und soziale Bewegungen von den Denkerinnen der Revolution lernen können. Andererseits sind wir heute auch als Gruppe klarer bestimmt. Längst haben wir aufgehört hektisch gegen das jeweils ganz Schlimme anzurennen und dem dann die Weihen der Praxis zu verleihen, ohne am herrschenden Unheil etwas zu ändern; ebenso fern ist uns der theoretische Elfenbeinturm, dessen Bewohner zwar buchstabengetreu den alten Marx und seine Nachdenkerinnen wiedergeben können, aber mit der Aufhebung der herrschenden Umstände nichts am Hut haben. Gleichzeitig können wir uns aber nicht positiv bestimmen. Darum steht im Zyklus auch Amadeo Bordiga neben Anton Pannekoek, Max Horkheimer neben Karl Korsch, Guy Debord neben Cajo Brendel ohne dass wir notwendig ihre Einsichten gänzlich teilen, aber auch ohne uns von den Widersprüchen zwischen ihnen irre machen zu lassen. Wir sind nicht einer bestimmten Strömung zuzuschlagen, sondern versuchen in aller Redlichkeit die vorwärtsweisenden Momente von den zweifellos vorhandenen Fehlern und Dogmatisierungen zu scheiden und erstere für unsere eigene Sicht auf die Dinge fruchtbar zu machen. Das heisst, dass die zu diskutierenden Texte nicht zwingend nach politischer Übereinstimmung ausgewählt wurden, sondern auch danach, ob sie für die aktuelle Situation wichtige Fragen aufwerfen und für die Diskussion geeignet sind.

Der Reader ist in vier Themen gegliedert. Im Teil über die Klassenbewegung nähern wir uns den aktuellen Bewegungen und ihren Beschränkungen dadurch an, dass wir grundsätzliche Fragen stellen. Die historischen Bestimmungen eines Pannekoek oder eines Bordiga beziehen wir auf die aktuellen Entwicklungen. Der Schwerpunkt Staat hat sich angesichts autoritärer Krisenbewältigung, der Transformation der Krise in eine Staatschuldenkrise und der massiven staatlichen Eingriffe geradezu aufgedrängt. Wir diskutieren die Frage des bürgerlichen Staates grundlegend und schauen seine besondere Form wie auch seine Funktion im kapitalistischen Totalitätszusammenhang an. Darauf folgend geht es um die Krise als solche. Trotz aller Beteuerungen und trotz des Zweckoptimismus gewisser Teile des politischen Personals und seiner Vordenkerinnen ist die Krise längst nicht ausgestanden. Wir diskutieren aber weniger die aktuellen Börsenkurse, als vielmehr die fundamentalen Probleme des Kapitalismus, die die Misere zu verantworten haben. Zu guter letzt unterziehen wir die Fundamente des Marxismus selber einer kritischen Prüfung und befassen uns mit der Infragestellung einiger bequemer marxistischer Gewissheiten.

Die Teilnahme am Diskussionszyklus erfordert keinerlei Vorkenntnisse. Es sollten aber vorgängig die jeweils vorgeschlagenen Texte gelesen werden. Genauere Angaben zu Ort und Zeit findet man auf unserer Homepage. Wir freuen uns auf spannende Diskussionen.

Der Reader (180 Seiten, PDF) kann hier runtergeladen oder bei uns per E-Mail bestellt werden (20 Fr.).

 

Inhaltsverzeichnis

1. Die «Antiautoritäre Bewegung» und ihr Weg in die Sackgasse (Cajo Brendel)
[Wurde am Treffen vom 25. Oktober 2014 diskutiert]
2. Partei und Arbeiterklasse (Anton Pannekoek)
[Wurde am Treffen vom 29. November 2014 diskutiert]
3. Partei und Klasse (Amadeo Bordiga)
[Wurde am Treffen vom 29. November 2014 diskutiert]
4. Das Proletariat als Subjekt und als Repräsentation (Guy Debord)
[Wurde am Treffen vom 13. Dezember 2014 diskutiert]
5. Spontanität und Revolution (Paul Mattick)
[Wurde am Treffen vom 31. Januar 2015 diskutiert]
6. Autoritärer Staat (Max Horkheimer)
[Wurde am Treffen vom 14. März 2015 diskutiert]
7. Der Staat des Kapitals (Johannes Agnoli)
[Wurde am Treffen vom 6. Juni 2015 diskutiert]
8. Warenform, Rechtsform, Staatsform (Ingo Elbe)
[Wurde am Treffen vom 5. September 2015 diskutiert]
9. Die Gemischte Ökonomie und ihre Grenzen (Paul Mattick)
[Wurde am Treffen vom 24. Oktober 2015 diskutiert]
10. Eine Krise des Werts (Sander)
[Wurde am Treffen vom 12. Dezember 2015 diskutiert]
11. 19 Thesen zur Krise (Wildcat)
[Wurde am Treffen vom 6. Februar 2016 diskutiert]
12. Traditionelle und Kritische Theorie (Max Horkheimer)
[Wurde am Treffen vom 14. Mai 2016 diskutiert]
13. Was ist orthodoxer Marxismus (Georg Lukács)
[Wurde am Treffen vom 11. Juni 2016 diskutiert]
14. Die historische «Invarianz» des Marxismus (Amadeo Bordiga)
[Wird am Treffen vom 9. Juli 2016 diskutiert]
15. 10 Thesen über Marxismus heute (Karl Korsch)
[Wird am Treffen vom 9. Juli 2016 diskutiert]