Diskussionswochenende: Trennlinien des Kapitals und ihre Aufhebung

Vor zwei Jahren, im Sommer 2011, haben wir mit dem Anliegen, auf eine gemeinsame Debatte mit praktischer Perspektive hinzuarbeiten, ein erstes Diskussionswochenende durchgeführt. Ein Jahr darauf, im Frühling 2012, folgte ein zweites Diskussionswochenende mit interessanten und lebendigen Diskussionen.
Wir möchten das Begonnene fortsetzen und laden euch dazu ein, Ende Mai / Anfang Juni 2013 am dritten Diskussionswochenende des Projekts Kritik & Klassenkampf teilzunehmen. Wir wollen mit allen interessierten Personen in Diskussion treten und Handlungsmöglichkeiten für den revolutionären Klassenkampf erarbeiten. Dieses Jahr soll es im Wesentlichen um Gender, Migration und Reproduktion, als auch um die Frage nach Möglichkeiten zur Aufhebung dieser Trennlinien des Kapitals gehen. Dabei werden wir diese Themenkomplexe nicht voneinander losgelöst diskutieren, sondern nach Momenten suchen, wo sie zusammenkommen. Anhand vorbereiteter Thesen wollen wir über diese Themen diskutieren.

In den bisherigen Diskussionen sind wir auf Fragen gestossen, welche für uns von zentraler Bedeutung sind, so zum Beispiel:

  • Gibt es eine strukturelle Notwendigkeit eines deklassierten Reproduktionsbereichs und ist eine geschlechterhierarchische Arbeitsteilung für die kapitalistische Produktionsweise erforderlich?
  • Werden sich zukünftige Aufstände an der Krise der Reproduktionsarbeit entzünden und in welcher Art und Weise werden sie sich äussern?
  • Wo und wie finden die Kämpfe der MigrantInnen statt und welche Rolle sehen wir für uns dabei?
  • Was erwarten wir von der Wanderung von Kampfformen und wann und unter welchen Umständen bringen MigrantInnen den Klassenkampf voran?
  • Welche Entwicklungen und Auseinandersetzungen eröffnen Möglichkeiten zur Aufhebung der Trennlinien des Kapitals?

Schwerpunkt 1

Migration

Am dritten Diskussionswochenende wollen wir an die Fragen der letzten Treffen anknüpfen – wie sich Klassenauseinandersetzungen verbreiten und worin die Zusammenhänge zwischen Krise und Kämpfen bestehen – und uns mit Migration auseinandersetzen. Das Kapital und die PolitikerInnen förderten seit jeher die Migration, um die Produktion zu ermöglichen und um mit den zugezogenen unerfahrenen und oft rechtlich benachteiligten ArbeiterInnen bestehende Machtstellungen des Proletariats aufzubrechen. Es wäre jedoch auch, entgegen der Interessen von Kapital und Politik, möglich, dass das Klassenverhältnis auf globales Terrain geführt würde, indem von ihrem Herkunftsort emigrierte Proletarisierte an einem anderen Ort in die Offensive gehen.
Ohne die Neuzusammensetzung der Klasse durch Migration in ihrer Bedeutung zu überhöhen, wollen wir gemeinsam die ausgetretenen Pfade der multikulturalistischen antirassistischen Bewegungen verlassen und über den Klassencharakter von Migration diskutieren. Der Begriff der „proletarischen Wanderungsbewegungen“ wird dem eigentlichen Wesen der Migration am ehesten gerecht. Ohne dabei die dramatischen Fluchtgründe oder den rechtlichen Status Illegalisierter kleinzureden, wollen wir zeigen, dass es sich bei der allermeisten Migration um Arbeitsmigration handelt, für die es eine Vielzahl konkreter Ursachen gibt.

Krise und Veränderungen der Migration
Der Zusammenhang zwischen ökonomischer Krise und den Veränderungen des Migrationsregimes sollen zentral diskutiert werden. Wir können ihn anhand der letzten grösseren ökonomischen Krisen erkennen. So ging mit der Ölkrise 1973 ein Kurswechsel bei der sogenannten Gastarbeiter-Migration nach und in Europa einher. Fast zwei Jahrzehnte später löste die letzte grosse globale Krise im Jahr 1991 eine enorme Restrukturierung der regionalen und internationalen Arbeitsmärkte aus, aufgrund derer eine Spaltungslinie zwischen den Proletarisierten gezogen wurde: Zwischen Festangestellten und Temporären, sowie zwischen ArbeiterInnen in Kernbelegschaften und jenen in ausgelagerten Abteilungen. Gleichzeitig wurden die hierarchischen Linien zwischen Arbeitsmärkten neu gezogen: Die osteuropäischen Länder mutierten zu einer billigen und kontrollierten Quelle von Arbeitskräften, die afrikanische Peripherie zu einer Filterzone für den illegalisierten Arbeitsmarkt. Die gegenwärtige Krise wird diese Linien noch einmal neu zeichnen.

Mit der „neoliberalen“ Antwort auf die Krise 1991 (Immobilienboom, Ausweitung des IT-Dienstleistungsbereichs etc.) veränderte sich der Charakter der Arbeitsmigration noch einmal grundlegend. Migrantische ArbeiterInnen konnten kaum noch von der Grossindustrie absorbiert werden, sondern verteilten sich auf prekäre Jobs im Dienstleistungssektor und in der Landwirtschaft.

Der Krisenausbruch 2008 hat zu massiven Arbeitsplatzverlusten für migrantische ArbeiterInnen geführt und die meisten europäischen Staaten versuchten auf verschiedenen Ebenen der Immigration Einhalt zu gebieten. Unter dem Druck der Krise wurde auf rechtliche Verschärfungen gesetzt, die vor allem auf jene MigrantInnen Anwendung finden, die bis anhin den prekarisierten Niedriglohnsektor ausmachten. Weiter wurde die Migrationskontrolle an den Aussengrenzen Europas in den letzten zehn Jahren martialisch forciert. Die Grenzkontrolle und das Migrationsmanagement werden ausgelagert, wie die Gründung der europäischen Grenzschutzagentur FRONTEX und bilaterale Verträge vor allem mit afrikanischen Staaten illustrieren. Es wird dafür gesorgt, dass die für den Kapitalismus Überflüssigen aus Nordafrika und der Sahelzone gar nicht erst einen Fuss auf europäischen Boden setzen können. Diejenigen, die es dennoch irgendwie nach Europa schaffen, werden zu Zehntausenden in Auffanglagern interniert, bleiben in Transitländern hängen, wo sie unter desaströsen Bedingungen arbeiten, oder werden in Gefängnisse gesteckt und in ihr Herkunftsland zurückverfrachtet.

Haben es die meisten MigrantInnen bis anhin schon kaum aus den untersten Segmenten der Klasse rausgeschafft, schaffen sie es unter dem Druck der Krise kaum mehr, einen Teil ihres Lohnes ihren Verwandten zu schicken. Diese Beträge sind in den letzten Jahren massiv zusammengebrochen, was für die Bevölkerung des globalen Südens und osteuropäischer Staaten, in denen die Rücküberweisungen teilweise zwischen 30 und 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, katastrophale Folgen hat. Einem immer grösseren Teil der Weltbevölkerung wird so das Überleben zunehmend erschwert.

Rassismus und die Grenzen des zivilgesellschaftlichen Antirassismus
Es überrascht nicht, dass sich parallel zum harten Sparkurs im Süden Europas die Angriffe auf MigrantInnen häufen, die Medienhetze immer neue Blüten treibt und staatliche Geheimdienste rechtsextremen Terror systematisch unterstützen. Wir verstehen diese Tendenzen als Angriffe auf eine multinationale ArbeiterInnenklasse, die durch solche Massnahmen in einem Zustand der Angst gehalten werden soll.

Die rassistischen Angriffe in den 1990er-Jahren, in der Phase der Restrukturierung der Arbeitsmärkte, lösten zahlreiche Neugründungen zivilgesellschaftlicher antirassistischer Gruppen aus. Diese beschränken sich jedoch vor allem auf das Recht auf abstrakte Gleichheit. Trotz ihrer Empörung über die Realität binden sie die MigrantInnen an den Staat. Die Begrenzung des „multikulturalistischen“ Antirassismus lässt sich nur aufdröseln, wenn wir ihm ein materialistisches Verständnis von Rassismus entgegenhalten. Das bedeutet zuallererst, dass wir begreifen müssen, dass Rassismus ein Machtverhältnis ist, das sich innerhalb der Klasse auf bestehende Spaltungen stützt und diese stärkt. Das falsche Bewusstsein des Rassismus entsteht aus einer hierarchisierenden Spaltung. Deshalb bleiben antirassistische Kampagnen wirkungslos. Die rassistischen Spaltungslinien werden nur aufgeweicht im Kampf gegen die materiellen, realen Differenzen in der Zusammensetzung der Klasse.

Am Diskussionswochenende möchten wir eine Debatte über das Verhältnis zwischen Krise und Veränderungen in der Migration führen. Dazu müssen wir sammeln, was wir über die Wanderungsbewegungen wissen, darüber, wie sich diese in der Krise verändern und was sie fürs Kapital bedeuten. Wenn wir die Begrenzung der Klassenauseinandersetzungen auf einen nationalen Rahmen aufheben wollen, müssen wir uns mit den gegenwärtigen Wanderungsbewegungen auseinandersetzen und ausloten, welche Begrenzungen die „Kämpfe der Migration“ aufweisen und wie es um das Potential einer „Migration der Kämpfe“ steht. Unter anderem wollen wir gemeinsam folgenden Fragen nachgehen:

  • Wo und wie finden die Kämpfe der MigrantInnen statt?
  • Welche Rolle sehen wir für uns dabei?
  • Welche Auseinandersetzungen eröffnen Möglichkeiten zum Bruch mit der Logik des Kapitals?
  • Was erwarten wir von der Wanderung von Kampfformen und wann und unter welchen Umständen bringen sie den Klassenkampf voran?

Schwerpunkt 2

Gender & Reproduktion

Nach Jahrzehnten der „Gleichstellung“ liest man in Tageszeitungen noch immer über die Doppelbelastung von „Karrierefrauen“. Auch von Forderungen nach Gleichberechtigung sowie nach Frauenquoten ist immer wieder die Rede. Unser Interesse am Thema Gender & Reproduktion liegt nicht in solcherlei Spektakel begründet. Wir haben vielmehr das Bedürfnis, die Geschlechterrollen, wie sie durch die kapitalistische Arbeitsteilung geschaffen wurden, grundsätzlich zu analysieren. Damit hängt die Auseinandersetzung mit der Reproduktionssphäre des Kapitalismus zusammen.

Von der Reproduktion (der Kochtöpfe)
Als Reproduktion wird die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung eines Zustandes bezeichnet. Im Kapitalismus bildet sie den Teil des Kreislaufes, in dem sich die Bestandteile des Kapitals regenerieren. Daraus lässt sich schliessen, dass Reproduktionsarbeit genauso Voraussetzung für das Funktionieren des Kapitalismus ist, wie die Produktionsarbeit. Reproduktion durchdringt die gesamte Gesellschaft und ist nicht einem spezifischen Teil dieser zuzuordnen. Sie ist sowohl bezahlt als auch unbezahlt. Sie ist produktiv als auch unproduktiv. Die Mutter kocht für die Familie das Abendessen unbezahlt und nicht in einem Lohnverhältnis. Kocht aber eine Haushaltshilfe, so wird die Tätigkeit bezahlt, jedoch ohne dass ein Mehrwert generiert würde. Und schliesslich gibt es noch das bezahlte Kochen zum Zwecke der Mehrwertproduktion, zum Beispiel in einem Restaurant, in dem Kapital investiert worden ist.

Die Zuteilung, dass Reproduktion gleich unbezahlte und nicht produktive Arbeit ist, entspringt einer unvollständigen Analyse der Gesellschaft. Die Reproduktionsarbeit wird dann als ausserhalb des Kapitalverhältnisses gedacht. Die Wiederherstellung dieses Verhältnisses lässt sich aber in allen Sphären des Kapitalismus finden. Reproduziert werden die Arbeitskraft, das Wissen und die Produktionsmittel. Reproduktionsarbeit findet in diesem Sinne also zum Beispiel im Staat in Form von Bildungsinstitutionen, in der Produktion in Form von Reparaturen oder dem Unterhalt von Maschinen und in der Familie in Form von Hausarbeit statt.

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein…“
Hausarbeit stellt im doppelten Sinne ein Spezialfall der Reproduktionsarbeit dar. Einerseits ist sie nicht direkt im kapitalistischen Produktionsprozess integriert. Andererseits erledigt sie eine wichtige Aufgaben fürs Kapital: sie erneuert und reproduziert die Ware Arbeitskraft. Ohne funktionierenden Haushalt, der Ernährung und Erholung garantiert, ist es weder möglich am Arbeitsplatz die verlangte Leistung zu bringen, noch die nächste Generation ArbeiterInnen aufzuziehen. Staat und Kapital haben ein Interesse daran, dass sich die Arbeiterklasse als Klasse reproduzieren kann, um sie weiter ausbeuten zu können. Der Staat als ideeller Gesamtkapitalist sorgt für die entsprechenden Voraussetzungen. Er kann es direkt aufgreifen wie teilweise im Gesundheitswesen oder privaten Unternehmen einen Staatsauftrag geben (Service Public).

„Let the woman take care of you?“
Die Zuordnung von verschiedenen Arbeiten zu spezifischen Geschlechtern mag historisch durch natürliche Eigenschaften wie Körperbau geprägt worden sein; grundsätzlich ist es dem Kapital jedoch egal, welches Geschlecht die Reproduktion etwa der Arbeitskraft übernimmt. Es hat nur ein Interesse, dass sie stattfindet. Durch den technischen Fortschritt sind die natürlichen Eigenschaften immer nebensächlicher geworden. Welche Eigenschaften den jeweiligen Geschlechtern zugeschrieben werden, ist grösstenteils eine Frage der gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn es für das Kapital jedoch grundsätzlich keine Rolle spielt, wer Reproduktionsarbeiten erledigt, müssen wir uns fragen, wieso diese immer noch mehrheitlich von Frauen geleistet wird.

Hausarbeit wird bis heute grösstenteils von Frauen bewältigt und die Vorstellung, wonach Fähigkeiten die zur Erledigung von Reproduktionsarbeit wichtig sind (Einfühlungsvermögen, Gefühlsbetontheit etc.), erst einmal weiblich seien, ist fester Bestandteil des Alltagsbewusstseins. Auch wenn es kaum mehr materielle Gründe für die Aufrechterhaltung des Geschlechterverhältnisses zu geben scheint, zeigt sich gerade in der globalen Krise, dass Frauen doppelt belastet sind, schlechter bezahlt werden und oftmals zuallererst von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Einen objektiven Grund, warum Kapitalisten eher einen Mann als eine Frau anstellen, findet sich darin, dass sie unter Verdacht stehen, schwanger zu werden. Das wäre für Kapitalisten ein zusätzlicher Aufwand. Auf Grund dieses Verdachts entsteht (jungen) Frauen in der Konkurrenz um einen Arbeitsplatz ein Nachteil. Dieser spezifische Sexismus hat einen materiellen Grund. Inwiefern dieser konkrete Grund allerdings zur Erklärung des Sexismus taugt, scheint uns fraglich und soll Gegenstand der Diskussion sein.

Reproduktion in der Krise – Krise der Reproduktion
Der umfängliche Einbezug der Frauen in das Arbeitsleben hat nicht nur Freiheiten für die Frau eröffnet, sondern ihre Lohnarbeit zur Notwendigkeit für die eigene Reproduktion gemacht, sich also in einen Zwang verwandelt. Dies darum, weil ein Lohn pro Familie mittlerweile nicht mehr ausreicht. Denn der Wert der Ware Arbeitskraft ist bestimmt durch die zu ihrer (Re-)Produktion gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit und ein historisch (Entwicklungsstand der Gesellschaft), moralisches (zum Beispiel Klassenkampf) Element.

Wir sehen einen Trend hin zu bezahlter Reproduktionsarbeit etwa bei der Kinderbetreuung und der Krankenpflege und zur Privatisierung von öffentlichen Reproduktionseinrichtungen. Diese Tendenz führt dazu, dass sich manche Familie ausrechnen muss, ob sich die Lohnarbeit der Frau unter dem Strich auch wirklich lohnt. Daraus ergibt sie die Frage nach den möglichen Entwicklungstendenzen in der Reproduktionsarbeit, welche wir derzeit auf drei Möglichkeiten eingrenzen können: Ein Rollback zur Kleinfamilie, die Zusammenfassung zu Kollektiven oder die Rückkehr in die (Teil-)Subsistenz wie sie etwa in von der Krise besonders betroffene Staaten zu beobachten ist.

Am nächsten Diskussionswochenende wollen wir uns unter anderem an folgenden Fragen orientieren:

  • Welche Perspektiven eröffnet die Kollektivierung der Reproduktion und inwiefern hängt diese mit einer Rückkehr zur (Teil-)Subsistenz zusammen?
  • Wie erklären wir die Gewalt an Frauen im Kapitalismus und welche Möglichkeiten gibt es, diese Gewalt in Kämpfen um Selbstermächtigung zu thematisieren?
  • Gibt es eine strukturelle Notwendigkeit eines deklassierten Reproduktionsbereichs und ist eine geschlechterhierarchische Arbeitsteilung für die kapitalistische Produktionsweise erforderlich?
  • Werden sich zukünftige Aufstände an der Krise der Reproduktionsarbeit entzünden und in welcher Art und Weise werden sie sich äussern?

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Organisiert von Projekt Kritik & Klassenkampf