Diskussionstage: Kritik der Demokratie – Demokratie in der Krise

Vor über drei Jah­ren, im Som­mer 2011, haben wir mit dem An­lie­gen, auf eine ge­mein­sa­me De­bat­te mit prak­ti­scher Per­spek­ti­ve hin­zu­ar­bei­ten, ein ers­tes Dis­kus­si­ons­wo­chen­en­de durch­ge­führt. Seit­her fand jedes Jahr ein Dis­kus­si­ons­wo­chen­en­de zu un­ter­schied­li­chen Fra­gen statt. Haben wir an un­se­rem letz­ten Tref­fen 2013 noch über Gen­der, Mi­gra­ti­on und Re­pro­duk­ti­on dis­ku­tiert, möch­ten wir den Fokus die­ses Jahr auf die De­mo­kra­tie legen.

Um uns nicht ein­fach mit dem bis­he­ri­gen For­mat der Tref­fen be­quem ein­zu­rich­ten, wol­len wir uns die­ses Jahr nicht er­neut zu einem Dis­kus­si­ons­wo­chen­en­de mit meh­re­ren Work­shop-​The­men tref­fen. Erst­mals or­ga­ni­sie­ren wir zwei Dis­kus­si­ons­ta­ge in Zü­rich und Bern zu einer über­ge­ord­ne­ten Frage, die wir an den bei­den Orten un­ter­schied­lich be­leuch­ten möch­ten. So wer­den wir am ers­ten Dis­kus­si­ons­tag in Bern über die Kri­tik der De­mo­kra­tie spre­chen, wäh­rend wir uns am zwei­ten Dis­kus­si­ons­tag in Zü­rich mit der De­mo­kra­tie in der Krise be­zie­hungs­wei­se mit dem Zu­sam­men­hang zwi­schen De­mo­kra­tie, Kri­sen­ent­wick­lung und Be­we­gung aus­ein­an­der­set­zen möch­ten. An­hand vor­be­rei­te­ter The­sen und kur­zen Re­fe­ra­ten wol­len wir über diese The­men dis­ku­tie­ren.

Nach drei Dis­kus­si­ons­wo­chen­en­den und ver­schie­de­nen klei­ne­ren Ver­an­stal­tun­gen im Rah­men des Pro­jekts Kri­tik & Klas­sen­kampf ist sich ein grup­pen­über­grei­fen­des und über­re­gio­na­les an­ti­au­to­ri­tä­res Mi­lieu am Her­aus­bil­den. Auf die­ser Grund­la­ge möch­ten wir das Be­gon­ne­ne fort­set­zen und laden euch dazu ein, am 1. und 22. November 2014 an den bei­den Dis­kus­si­ons­ta­gen des Pro­jekts Kri­tik & Klas­sen­kampf teil­zu­neh­men. Wir wol­len mit allen in­ter­es­sier­ten Per­so­nen in Dis­kus­si­on tre­ten und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten für den re­vo­lu­tio­nä­ren Klas­sen­kampf er­ar­bei­ten. Dabei geht es uns seit un­se­rem Be­ste­hen im We­sent­li­chen um Krise, Kämp­fe, In­ter­ven­tio­nen, Or­ga­ni­sie­rung und Per­spek­ti­ven.

Bern: Kri­tik der De­mo­kra­tie

Am Dis­kus­si­ons­tag in Bern möch­ten wir dar­über dis­ku­tie­ren, was mit der Ein­rich­tung einer de­mo­kra­ti­schen Herr­schaft alles schon fest­ge­legt wird und wie die Bür­ger sich dazu prak­tisch und theo­re­tisch stel­len. Die fol­gen­den The­sen sol­len dazu als eine erste Ein­lei­tung die­nen.

I
De­mo­kra­tie ist die idea­le Herr­schafts­form des Ka­pi­ta­lis­mus. Der bür­ger­li­che Staat ge­währt po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Frei­heit und legt seine Bür­ger damit dar­auf fest, nach den ka­pi­ta­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en des pri­va­ten Ei­gen­tums in der Kon­kur­renz zu wirt­schaf­ten: Die Art des Ei­gen­tums un­ter­schei­det sich in sei­ner Qua­li­tät ganz ge­wal­tig. Die Einen haben eine Sorte von Ei­gen­tum, die es ihnen er­mög­licht, mit­tels einem Vor­schuss einen Über­schuss zu pro­du­zie­ren (Ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln, Ka­pi­tal). Sie kön­nen ihr Ei­gen­tum so an­le­gen, dass es sich stän­dig ver­mehrt. Die gros­se Mehr­heit der Bür­ger ver­fügt weder über Ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln noch über ge­nü­gend Ka­pi­tal in an­de­rer Form, um davon leben, ge­schwei­ge denn es ver­meh­ren zu kön­nen. Diese Bür­ger sind le­dig­lich Ei­gen­tü­mer ihrer Ar­beits­kraft. Diese müs­sen sie an die Ei­gen­tü­mer der Pro­duk­ti­ons­mit­tel ver­kau­fen, um an Lohn zu kom­men. Das kön­nen sie aber nur, wenn ihre Ar­beit den Ei­gen­tü­mern der Pro­duk­ti­ons­mit­teln mehr ein­bringt, als sie kos­tet.

II
Freie Bür­ger dür­fen wäh­len, man­cher­orts sogar ab­stim­men. Wah­len und Ab­stim­mun­gen wer­den von der Herr­schaft selbst an­ge­setzt und or­ga­ni­siert. Die Herr­schaft hat also ein In­ter­es­se an den Wah­len, sie lässt sich durch das Volk le­gi­ti­mie­ren. Un­ab­hän­gig davon wel­che cou­leur des Herr­schafts­per­so­nals ge­wählt wird, be­stä­ti­gen die Wäh­len­den eine Herr­schaft über sich. Bei In­itia­ti­ven kann das Volk zwi­schen zu­ge­las­se­nen Al­ter­na­ti­ven des Re­giert­wer­dens aus­wäh­len.

III
Wer Herr­schafts­per­so­nal aus­wäh­len darf, kann sich keine Herr­schafts­lo­sig­keit be­stel­len, son­dern nur zwi­schen Al­ter­na­ti­ven aus­wäh­len (wel­che die Herr­schaft auch zu­lässt). An der Ohn­macht des Bür­gers än­dert die Frage des klei­ne­ren Übels, das zur Wahl steht, nichts. Die grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en der hie­si­gen Rechts­ord­nung, samt der von ihr ins Recht ge­setz­ten ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se, ste­hen nie zur Wahl.

IV
Für die Re­gie­ren­den einer De­mo­kra­tie ist die Ein­mi­schung der Bür­ger – sei dies durch Wah­len, Ab­stim­mun­gen oder die blos­se Mei­nungs­äus­se­rung – durch­aus pro­duk­tiv. Wer sich äus­sern darf und sei­nem In­ter­es­se unter ge­wis­sen Um­stän­den (im Rah­men des Er­laub­ten und unter Be­rück­sich­ti­gung des Ge­mein­wohls) per Ab­stim­mungs­mehr­heit sogar po­li­tisch Nach­druck ver­lei­hen kann, lässt sich bes­ser re­gie­ren, da er/sie sich als Be­stim­men­der und nicht als Be­herrsch­ter sieht.

V
Der de­mo­kra­ti­sche Staat ver­pflich­tet seine Bür­ger auf ihre Mit­tel (Ka­pi­tal, Ar­beits­kraft etc.) un­ab­hän­gig davon ob diese zum Er­folg füh­ren oder nicht. Der gröss­te Teil der Be­völ­ke­rung macht (ge­zwun­ge­ner­mas­sen) einen prak­ti­schen Feh­ler, wenn er sein Ei­gen­tum (Ar­beits­kraft) als sein Mit­tel im Dienst der Ka­pi­ta­lis­ten ein­setzt; und einen theo­re­ti­schen, wenn er daran fest­hält und sich po­si­tiv dazu stellt.

VI
Wer als Pro­le­ta­ri­er den Staat und seine de­mo­kra­ti­schen Ein­rich­tun­gen für die Sach­wal­ter sei­nes ei­ge­nen In­ter­es­ses hält, und diese bei der Suche nach dem Grund für not­wen­dig ent­ste­hen­de Mis­ser­fol­ge und Ent­täu­schun­gen von vorn­her­ein aus­schliesst, wird selbst­re­dend kein Geg­ner von Staat und Ka­pi­tal, son­dern par­tei­lich für das „Gros­se und Ganze“: Er nimmt den Stand­punkt der Herr­schaft ein und sucht nach in­ne­ren oder äus­se­ren Fein­den, die der Na­ti­on und damit ihm den Er­folg ver­mie­sen.

VII
Durch das Mit­wir­ken mit­tels In­itia­ti­ven, be­tä­tigt sich der CH-​Bür­ger sel­ber als ide­ell Re­gie­ren­der und als Stimm­vieh. Die Mehr­heit der Stim­men­den herrscht sich selbst und allen an­de­ren Frei­hei­ten und Schran­ken auf. Dabei sind sie sich ge­wohnt, von ihrem ei­ge­nen In­ter­es­se Ab­stand zu neh­men und es in einen dem Ge­mein­wohl nütz­li­chen und die “Sach­zwän­ge” re­spek­tie­ren­den Vor­schlag zu ver­wan­deln, der Mer­hei­ten ge­win­nen kann.

VIII
Auch die Ar­bei­ter, wel­che die ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­wei­se für ein Mit­tel hal­ten sich in der Kon­kur­renz gegen an­de­re ein gutes Leben zu si­chern, mer­ken rasch, dass ihr Er­folg davon ab­hängt, wie gut sie sich für An­ge­hö­ri­ge der an­de­ren Klas­se (Ei­gen­tü­mer der Pro­duk­ti­ons­mit­tel) dienst­bar ma­chen kön­nen. So wer­den freie Bür­ger zu wil­li­gen und bil­li­gen An­häng­seln ihrer Ka­pi­ta­lis­ten.

XI
De­mo­kra­tie wird zum Höchst­wert. Alle Ent­schei­dun­gen, In­sti­tu­tio­nen und Pos­ten, die auf Grund von Ver­fah­ren oder Struk­tur den Stem­pel „de­mo­kra­tisch“ be­kom­men, gel­ten als le­gi­tim und damit als ge­setzt – ganz ab­ge­se­hen von ihrem In­halt.

X
Kri­tik an der De­mo­kra­tie sel­ber gibt es in der Regel nicht. Alle Mis­stän­de und Schä­den, die die po­li­ti­sche Herr­schaft des ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems her­vor­bringt, sol­len dem Man­gel an De­mo­kra­tie oder dem Miss­brauch von De­mo­kra­tie ge­schul­det sein.

Zü­rich: De­mo­kra­tie in der Krise

In Staa­ten wie Grie­chen­land oder Ita­li­en ist es of­fen­sicht­lich ge­wor­den: Die Krise hat die de­mo­kra­ti­schen For­men längst un­ter­höhlt. Die Spar­pro­gram­me wur­den und wer­den gegen die Mas­sen­pro­tes­te durch­ge­setzt, bis­wei­len auch von Tech­no­kra­ten, die ei­gens dazu ein­ge­setzt wur­den und denen man auf die Schnel­le keine de­mo­kra­ti­schen Wei­hen an­ge­dei­hen las­sen konn­te. Auch die ge­wähl­ten Re­gie­run­gen in den ver­meint­li­chen Ge­win­ner­staa­ten pfei­fen ein ums an­de­re Mal auf ihre so­zia­len Ver­spre­chun­gen. In Frank­reich etwa hat die so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung mit der Mehr­wert­steu­er­er­hö­hung und den «Kol­lek­tiv­ver­trä­gen zur Wett­be­werbs­fä­hig­keit» zwei Pro­jek­te durch­ge­setzt, gegen die sie an­fangs en­er­gi­schen Wahl­kampf be­trie­ben hatte und die vor­al­lem die Pro­le­ta­ri­sier­ten tref­fen.

Das ist keine neue Er­schei­nung, aber die Krise und die damit ver­bun­de­ne Ver­schär­fung der in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­renz las­sen die po­li­ti­schen Spiel­räu­me immer mehr weg­schrump­fen. Kri­sen ge­hö­ren zum Ka­pi­ta­lis­mus wie das Amen in die Kir­che. Je nach­dem, wie akut diese sind, gibt es in der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft mehr oder we­ni­ger Raum für un­ter­schied­li­che Ver­wer­tungs­per­spek­ti­ven. Die ver­schie­de­nen Par­tei­en, zwi­schen denen wir in die­sem Zir­kus wäh­len kön­nen, und ihre Pro­gram­me sind immer den ka­pi­ta­lis­ti­schen und na­tio­na­len Sach­zwän­gen un­ter­wor­fen.

Das zeigt sich am deut­lichs­ten, wenn es linke Par­tei­en sind, die den här­tes­ten Ver­ar­mungs­kurs gegen die Prolls fah­ren, oder wenn die bis­he­ri­gen Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, ein­mal an die Macht ge­kom­men, ein­fach da wei­ter ma­chen, wo sie die bis­he­ri­ge Re­gie­rung un­ter­bro­chen haben. In der Krise wer­den die de­mo­kra­ti­schen For­men also von der ka­pi­ta­lis­ti­schen Rea­li­tät über­holt und es macht den An­schein, dass an ei­ni­gen Orten au­to­ri­tä­re­re For­men für den Mo­ment eher den An­for­de­run­gen des Ka­pi­tals ent­spre­chen. Um diese Vor­gän­ge zu ver­ste­hen, muss man sich erst ein­mal grund­sätz­lich über die Funk­ti­on der Po­li­tik ver­stän­di­gen: Über die po­li­ti­schen Pro­zes­se, und seien diese auch de­mo­kra­tisch, wird die Ka­pi­ta­l­ak­ku­mu­la­ti­on ver­wal­tet. Und dies nicht im In­ter­es­se ein­zel­ner Un­ter­neh­men und erst recht nicht für die Pro­le­ta­ri­sier­ten, son­dern im In­ter­es­se des Ka­pi­ta­lis­mus als Gan­zes.

Wir wol­len aber auch die Pro­tes­te, wo sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­stan­den sind, unter die Lupe neh­men. Un­se­re Suche gilt dem Mo­ment in den Kämp­fen der Be­we­gun­gen, wo keine de­mo­kra­ti­sche Lö­sung gang­bar scheint, auch nicht mehr als Il­lu­si­on in den Köp­fen der Kämp­fen­den. Die De­mo­kra­tie ist dann nicht nur am Ende ihrer re­el­len Mög­lich­kei­ten, sie ist auch am Ende ihrer ideo­lo­gi­schen Wirk­sam­keit an­ge­langt.

Um die­sen Ge­dan­ken­gang zu il­lus­trie­ren, eig­net sich die Be­we­gung 15. Mai in Spa­ni­en sehr gut. Der in die­ser Be­we­gung auf­kom­men­de Ruf nach ¡De­mocra­cia Real Ya! («Echte De­mo­kra­tie Jetzt!») zeigt auf, wie tief der Ge­dan­ke einer ge­rech­ten De­mo­kra­tie in den Köp­fen der Men­schen steckt; gleich­zei­tig hal­fen diese Men­schen Woh­nungs­räu­mun­gen zu ver­hin­dern und setz­ten somit par­ti­ku­la­re In­ter­es­sen der Pro­le­ta­ri­sier­ten gegen die In­ter­es­sen der Haus­be­sit­zer durch. Hier zeig­te sich eine in­ter­es­san­te Am­bi­va­lenz: Ei­ner­seits noch be­fan­gen in den Vor­stel­lun­gen einer ech­ten De­mo­kra­tie, war man gleich­zei­tig be­reit ganz un­de­mo­kra­tisch die In­ter­es­sen der be­trof­fe­nen Pro­le­ta­ri­sier­ten durch­zu­set­zen.

Ein wei­te­res ak­tu­el­les Bei­spiel sind die Pro­tes­te in Bos­ni­en-​Her­ze­go­wi­na. Aus­ge­löst wurde der Pro­test von Ar­bei­te­rIn­nen meh­re­rer pri­va­ti­sier­ter Un­ter­neh­men, die mo­na­te­lang kei­nen Lohn er­hiel­ten. Ihr Pro­test ver­half einem schon län­ger bro­deln­den Unmut zum Durch­bruch. Die Kri­tik rich­te­te sich zwar gegen kor­rup­te Po­li­ti­ker und ei­ni­ge der For­de­run­gen mögen auch re­for­mis­tisch an­mu­ten. Die klare Aus­rich­tung gegen Na­tio­na­lis­mus hin­ge­gen weist einen ganz an­de­ren Cha­rak­ter auf, wie auch die An­grif­fe auf Sym­bo­le der De­mo­kra­tie und der Schwer­punkt auf pro­le­ta­ri­schen In­ter­es­sen.

Diese bei­den Bei­spie­le sol­len auf­zei­gen, dass wir nicht nur auf die Be­gren­zun­gen von Be­we­gun­gen hin­wei­sen wol­len, son­dern auch Mo­men­te der re­el­len Be­we­gung der Auf­he­bung su­chen. Viele Be­we­gun­gen der letz­ten Jahre brach­ten diese Zwei­deu­tig­keit mit sich: Ei­ner­seits in de­mo­kra­ti­schen Vor­stel­lun­gen ver­haf­tet, stell­ten sie an­de­rer­seits teil­wei­se die par­ti­ku­la­ren In­ter­es­sen der Pro­le­ta­ri­sier­ten höher, als die In­ter­es­sen von Staat und Ka­pi­tal. Wir wol­len uns die­ser Am­bi­va­lenz wid­men und er­klä­ren, wo und wes­halb de­mo­kra­ti­sche Il­lu­sio­nen prak­tisch durch­bro­chen wer­den kön­nen.

 

Download PDF | Anmeldung 

Organisiert von Projekt Kritik & Klassenkampf