Ägypten: 2011 ist nicht 1968

Wir publizieren eine ins Deutsche übersetze, ausführliche Einschätzung des Aufstandes in Ägypten, in Form eines offenen Briefs. Philip Rizk, der Verfasser, ist ein in Kairo lebender Genosse, Filmemacher und Autor. Er ist Mitglied des Mosireen Video Collective. Die englische Originalfassung erschien Ende Januar 2014 bei reflections on a revolution (ROARMAG).

Ergänzend weisen wir an dieser Stelle nochmal auf den Artikel der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft  – Arabischer Frühling im Herbst des Kapitals – aus KOSMOPROLET #3 (2011), die kritischen Anmerkungen der britischen Zeitschrift Aufheben, das im Anschluss verfasste Postskriptum und das Interview mit Jano Charbel hin.

Offener Brief an einen Zuschauer

Philip Rizk, Kairo

Am 28. Januar 2011 fanden sich Millionen von Ägyptern in einem gewaltigen Akt des Protests auf den Straßen ihren Landes zusammen. Du hast diesem Schauspiel zugeschaut, wie es sich vor deinen Augen auf deinem Bildschirm und in verschiedensten internationalen Nachrichtensendern entwickelte. Als Folge einer Fixierung oder gar einer Intrige konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die Übertragung der Bilder eines ganz bestimmten Platzes: Midan al-Tahrir – Tahrir-Platz, der Platz der Befreiung. Deine Begeisterung für diese nicht abreißende Bilderflut beflügelte deine Fantasie. Deinem Vorstellungsvermögen wurde freier Lauf gelassen. Von den nordafrikanischen Nachbarn in Tunesien zugleich beschämt und zur Auflehnung inspiriert, begannen wir Ägypter zu protestieren. Unser Aufstand wiederum hat Bewegungen in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt ausgelöst: von der Take The SquareBewegung über die Besetzung des Stadtzentrums in Madison, Wisconsin, bis hin zur Occupy-Bewegung und nicht zu vergessen die Reihe von Aufständen in unserer Region, die bis heute unter anderem in Bahrain, Syrien und dem Sudan andauern.

Um die Bedeutung der sich überstürzenden Ereignisse richtig verstehen und analysieren zu können, wandten sich die Medien an eine Gruppe von Individuen, die mittlerweile für viele zu Repräsentanten der Revolution geworden sind. Verschiedene Nachrichtenagenturen interviewten politische Analytiker oder Aktivisten (welche so zunehmend selbst einen gewissen Berühmtheitsstatus erlangten), um die den übertragenen Bildern zugrunde liegenden Tatsachen zu entschlüsseln. Indem die Interpretationen und anschließenden Deutungen wie Schichten auf die Bilder aufgebracht wurden, kam es zu erheblichen Verfälschungen. Die nicht-arabischsprachigen Medien beriefen sich hauptsächlich auf englischsprachige Aktivisten – viele von uns entstammen der Mittelschicht und waren schon vor dem 25. Januar 2011 politisiert. Auch arabischsprachige Nachrichtensender wandten sich zum Großteil Aktivisten aus der Mittelschicht zu, um diese im Namen der Revolution sprechen zu lassen; jeder interpretierte die Ereignisse im Sinne seines eigenen ideologischen Standpunktes. Auf diese Weise wurden wir zu Übersetzern eines Volksaufstandes, dessen typische Repräsentanten wir bei weitem nicht waren. In unseren Gesichtern spiegelte sich dein Gesicht. Was wir sagten, war verständlich. Dank uns bekam jeder einen Zugang zu dieser Revolution. Der Klang unserer Worte hat dir ein bis dahin unbekanntes Gelände erschlossen. Unsere Erklärungen entsprachen zudem den konkreten Anforderungen der internationalen Medienindustrie und deren an einen bestimmten politischen Diskurs bestimmter Korrespondenten gewöhntes Zielpublikum. Dieser Vorgang übertönte die Stimmen der Mehrheit. Egal, wie sehr wir versuchten, anders zu argumentieren, wir passten (und passen) genau in das Raster – zur Mittelschicht gehörend, internetversiert, jung und demzufolge revolutionär.

Aber lass mich dich fragen: hast du die Stimmen aus der Unterschicht vernommen? Hast du die schwarz gekleideten Familien der Märtyrer in ihrem Häusern trauern sehen? Hast du Bilder der zahl– und namenlosen Zivilisten gesehen, die hinterhältig von den Dächern der Polizeiwachen aus von Scharfschützen erschossen wurden? Hast du gesehen, wie Polizisten die Revolution untergruben, indem sie die Gefängnistüren öffneten und schließlich in Stadtteilen und Wohngebieten der Umgebung organisierte Verwüstungen geschehen ließen? Hast du gesehen, wie Demonstranten am 28. Januar Polizeiwachen stürmten und Vergeltung suchten für Jahre nicht eingestandener Folter, der Gewalt und psychologischen Peinigung? Hast du die Molotowcocktails gesehen, die von Frauen vorbereitet und von den Balkonen zu den Demonstranten hinuntergelassen wurden, um damit die Verstümmelungen ihrer Nachbarn und Söhne rächen zu können? Das war nicht gewaltlos. Nur der fixierte Blick durch die Kamera auf den Tahrir-Platz im Tageslicht konnte dich von einer solchen Annahme überzeugen. Andere Branchen folgten dem Beispiel des Journalismus: die akademische Welt, Kunst, Kultur und Kino, private und öffentliche NGOs verließen sich auf uns ideale Interpreten dieser außergewöhnlichen Ereignisse. Sie alle schenkten dem Schauspieler, dem Jugendlichen, dem revolutionären Künstler, der Frau, dem gewaltlosen Demonstranten, dem Internetnutzer Glauben und schürten so die Überglorifizierung des Einzelnen. All das war geprägt vom unerbittlichen Bedürfnis nach Identifizierung, dem unbedingten Wunsch nach Wiedererkennung. Für dich wurde die Revolution unvorstellbar ohne das symbolische Bild eines Demonstranten, der dich von einer möglichen Konfrontation mit dem Unbekannten verschonte: dem kollektiven Aufstand gegen ein globales Herrschaftssystem, in welchem es keinen Raum für Zaungäste gibt.

Das Internet half, den Ereignissen den Anschein des Vertrauten zu verleihen. Indem der Zorn der Straße durch ein dir bekanntes Medium übertragen wurde, verwässerten die von den Nachrichtensendern ausgestrahlten Erzählungen das Undurchschaubare und Fremde der Ereignisse und ketteten dein Vorstellungsvermögen an das, was dir vertraut war. Die Deutungen, die sich wie Schlieren in Schichten über die Bilder legten, schmälerten deine Angst vor dem Unbekannten. „Das hier ist nur ein Akt gegen die Diktatur.“ „Das ist der Ruf des Einzelnen nach Freiheit.“ „Das ist eine Demonstration im Namen der Demokratie.“ „Diese Revolution ist gewaltlos.“ Das Internet ersetzte die Kalaschnikow. Diese Diskurse ignorierten die strukturellen Dimensionen der Ungerechtigkeit und kaschierten die Rolle, welche die durch den IWF, die EU, die USA und andere geförderte neoliberale Politik bei der Vertiefung der Kluft zwischen Arm und Reich gespielt hatte. Sie ließen dich vergessen, dass der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit überhaupt erst aus diesen Mechanismen der Ungerechtigkeit entsteht. Dieser vorherrschende Diskurs – der Diskurs der Machthaber  – verortete diese Probleme beispielsweise in einer hausgemachten Diktatur. Indem das Verbrechen eingegrenzt und korrupte Einzelpersonen präsentiert wurden, war die neokoloniale Bühne vorbereitet, so dass das ausgehöhlte, alte Regimes durch eines ersetzt werden konnte, das im Grunde nur der gleichen Logik folgte.

Es ist nicht überraschend, dass die Inhaber dieser Bilder kommerzielle Nachrichtenagenturen sind, Unternehmen, die genau diejenigen Herrschaftssysteme, gegen die wir uns aufgelehnt haben, unterstützen oder von ihnen unterstützt werden. Die von den Kameras der BBC, des CNN oder Al Jazeera öffentlich – und kostenlos – aufgenommenen Bilder sind zum Privateigentum dieser Institutionen geworden und werden von ihnen benutzt, um ihren Diskurs zu verbreiten, um das, was sie zu fördern gedenken, zu zelebrieren und das, was sie unterdrücken möchten, zum Schweigen zu bringen. Übertragung und thematische oder deutende Einbettung eines Bildes sind Akte der Machtausübung. Diese Bilder wurden im Namen der Freiheit aufgenommen und öffentlich gemacht, aber indem sie für die Zwecke eines profitorientierten Unternehmens genutzt werden, kann die Vorherrschaft der von den Unternehmen zur Verfügung gestellten deutenden Narrationen bewirken, dass jene Handlungen des Widerstands falsch ausgelegt und letztendlich untergraben werden.

Junge Aktivisten waren keineswegs repräsentative Stellvertreter der Protestierenden, aber doch wurde, was sie sagten, als vorherrschende Meinung präsentiert. Wir waren nur eine Handvoll Individuen inmitten einer kakophonen Vielzahl von Rufern nach Wandel; jeder erschien mit seinen eigenen Bedenken, Beschwerden, Wünschen, Motivationen und Anlässen zur Rache am Regime. Während der Welle von Protesten gab es eine starke horizontale Ausrichtung, dezentralisierte Entscheidungsprozesse, eine führerlose Bewegung, die in einem zentralisierten, auf Individuen abgestimmten Medienapparat oder durch einen verfassten Artikel, in einer gehaltenen Rede, einem konkreten Kunstwerk oder einem auf Personen und deren innere Entwicklung ausgerichteten Dokumentarfilm einfach keine Entsprechung finden konnte. Mit derlei Darstellungen wird die Realität verfälscht.

Mit diesem Brief erliege auch ich diesem Schema.

2011 ist nicht 1968

Die 1960er Jahre gingen mit dem Politischen schwanger: Ziel der Kämpfe waren die Rassengleichheit, Vietnam, der Kalte Krieg und die letzten Verwerfungen des offenen Imperialismus. 1968 ist aus diesem Moment entstanden. Zudem wurde 1968 von einer jungen Generation getragen, die sich von den in großer räumlicher Entfernung zu ihnen abspielenden Szenen von Besatzung und Kolonialisierung konfrontiert sah, eine Studentengeneration, die sprühend vor Ideologie durch die soziale und politische Realität jener Zeit radikalisiert worden war. Über 40 Jahre später provozierten die Auswirkungen des Imperialismus durch die Kloake des Postkolonialismus erneut Massenproteste. Unter diesen neuen Bedingungen, wie Frantz Fanon so klar herausgestellt hat, gelang es früheren Kolonialisten, ihre ökonomischen Interessen hinter Partnerschaften mit den regierenden Eliten der postkolonialen Staaten zu verbergen. Demzufolge ist 2011 nicht 1968. 2011 war ein Aufstand aus Unzufriedenheit mit der politischen Realität unter neokolonialen Bedingungen. 2011 war keine intellektuelle Revolution, es gab kein breites Aufkeimen unterschiedlicher Ideen und Theorien. Weder hatte in Ägypten vor 2011 unter der allgemeinen Bevölkerung ein Radikalisierungsprozess stattgefunden noch war die Nation zum Zeitpunkt der Revolution in einen grenzüberschreitenden Konflikt verwickelt. Es gab keine Ideologie außer der Ideologie der Verzweiflung, das unerträgliche Gewicht der Scheinheiligkeit und die Grenzen eines Volkes, das diese Lage zu lange verleugnet hatte. Ansteigende Militanz unter organisierten Arbeitergruppen und wachsende Opposition durch kleinere Bewegungen aus der Mittelschicht, wie zum Beispiel die Kefaya (Genug-Bewegung), die 6. April-Bewegung und die im Internet entstandenen Gruppen, wie Kolina Khaled Said (Wir sind alle Khaled Said) waren eine direkte Reaktion auf die nicht enden wollende Unterdrückung der gesamten Bevölkerung durch die politische Elite. Im Fall von 1968 hatten sich die verschiedenen Konflikte langsam aber stetig auf allen Ebenen bis zum besagten Jahr hin intensiviert und ausgebreitet, während in Ägypten in der Zeit vor 2011 die Samen der Revolution erst kurz vor dem Keimen waren. In Ägypten gab es nicht eine Bewegung, sondern es gab Bewegung, es gab einen Impuls, eine unbestimmte Kraft, die viel mächtiger war als eine Organisation es je sein könnte. Da unter Mubaraks Regime selbst die Anfänge einer Opposition sofort im Keim erstickt worden waren, gab es in Ägypten kaum etwas, was man „links“ hätte nennen können. Das Jahr 2011 war Zeuge einer rasanten politischen Radikalisierung angesichts jahrelanger ebenso rasanter Neoliberalisierungsprozesse. Die Universitäten hier waren und sind kein Ort kritischer Reflexion, sondern reines Alibi für den Diebstahl öffentlicher Gelder. Die Straßen waren die Hörsäle, wo wir mit den Sicherheitskräften der Regierung und dem Militär Steine gegen Feuer tauschten und untereinander Ideen und Gedanken. Auf diese Weise wurden die revoltierenden Ägypter radikal politisiert. Der Aufstand, der wenige Tage nach Anbruch des Jahres 2011 begann, wurde von einer zuvor niemals da gewesenen Masse von Demonstranten vorangetrieben. Ähnlich dem Aufstand in Argentinien 2001 waren die Proteste in Ägypten von einer klassen-, generationen- und geschlechterübergreifenden Teilnahme geprägt. Genau wie 1968 protestierten sowohl Studenten als auch Arbeiter in Ägypten, allerdings nicht als Zugehörige zu einer Einzelkategorie „Student“ oder „Arbeiter“, sondern vielmehr als Teil einer kollektiven, aus dem Volk gewachsenen Massenbewegung. Die Proteste blieben ohne einen eindeutigen Anführer; stattdessen haben wir die repressiven Hierarchien und den hegemonialen Staatsapparat mit unseren horizontalen Taktiken angegriffen. Es war die schiere Anzahl der Demonstranten, die, wenn auch nur temporär, die zentralistische Staatsstruktur in die Knie zwang. Dabei waren Forderungen der Demonstranten zahlreich und vielfältig, es gab nicht einen einstimmigen Grund, aus dem die Menschen in ganz Ägypten am 28. Januar auf die Straßen und Plätze strömten. Jeder Demonstrant hatte eigene Forderungen und Beweggründe, das den Alltag beherrschende Machtsystem abzulehnen. Dein Drang, diese Ereignisse als Zuschauer zu begreifen, hatte zur Folge, dass die Raison d’Être der Medienindustrie bestätigt und gefördert wurde, um dein Bedürfnis zu befriedigen. Vom alles bestimmenden westlichen Standpunkt aus warfst du einen Blick auf die Dinge, der den Vergleich mit dem Alltäglichen, dem Vertrauten, mit dem, was du schon kanntest, heranzog und der 2011 so erscheinen ließ, als ähnelte es 1968.

2011 ist nicht 1968. 2011 war nicht die „klassische“ Revolution der Sozialisten: demonstrierende Studenten und Arbeiter, die ein Regime durch ihr eigenes ersetzen wollten. So sehr es von den Ägyptern auch erwünscht ist –  weder vor noch nach dem 25. Januar 2011 gab es in diesem Land eine ausgereifte Opposition, politische Parteien mit einem revolutionären Plan. Die Forderung, die von Anfang an laut und deutlich vernehmbar war – „Das Volk fordert den Fall des Regimes“ – zog ein Stimmengewirr widersprüchlicher Meinungen nach sich, deren kleinster gemeinsamer Nenner die Forderung nach dem Ende des Status quo war: Wandel war notwendig, irgendeine Art von Wandel, aber wie dieser Wandel aussehen sollte, das war ungewiss. Diese Ungewissheit darf den Aufständen nicht als Schwäche angelastet werden, sondern sie bezeugt vielmehr jene globale Krise, sich gesellschaftliche Organisationen als alternative Formen zum neoliberalen Staat mit seinen sich selbst erneuernden, selbstzerstörerischen Hierarchien auszumalen. Darüber hinaus ließ dieser Protest ohne Anführer und vorgefertigte Ideologien es zu, dass Ideen entstehen und kontinuierlich weiterentwickelt werden konnten –  das ist eine Entwicklung des Widerstands, die gerade erst beginnt.

Arbeiter und Revolution

Ein entscheidender Prozess, der die Revolution des 25. Januar überhaupt erst vorstellbar machte, war die seit 2004 ansteigende Welle von Arbeiterprotesten. Die 27000 Textilarbeiter, die im Dezember 2006 in der Industriestadt Mahalla al-Kobra im ägyptischen Nildelta mit ihrem Massenstreik begannen, eröffneten unzähligen Ägyptern, die von diesem eindrucksvollen Akt oder auch der Vielzahl der darauffolgenden Proteste Kenntnis nahmen, die Möglichkeit einer Revolution. Unaufhaltsam breiteten sich Streiks und Demonstrationen im ganzen Land aus. Am 6. April 2008 riefen unabhängige Arbeiterführer dieser staatlichen Textilfabrik erneut zu einem weiteren Streik auf, der allerdings aufgrund vorab geführter Verhandlungen zwischen der Regierung und einer ausgewählten Gruppe von Arbeitern abgebrochen wurde. Die Forderung nach höheren Löhnen basierte auf den stetig steigenden Lebensmittelpreisen, und da in Mahalla beinahe jeder Haushalt von der riesigen Textilfabrik Masr abhängig ist, knüpften nicht nur die Arbeiter Erwartungen an diesen Streik. Am Tag des 6. April 2008 rechneten die Einwohner Mahallas mit einer Konfrontation. Auslöser des Aufstands war schließlich die öffentliche Beleidigung einer älteren Frau durch einen Polizisten. Der 6. April war einmalig, da sich die Mahalla al-Kobra-Proteste erstmals jenseits der geografischen Grenzen eines Industriegeländes ausbreiteten und dadurch von einer ganzen Gemeinde getragen wurden. Es waren jene Arbeiter in Mahalla al-Kobra, die durch ihren öffentlichen Protest zum ersten Mal die Regeln für sozial normiertes Verhalten brechen konnten. 2008 wurden die Grenzen des möglichen Widerstandes weit über die von der Regierung vorgegebenen Normen hinaus verschoben. Die Regierung bot all ihren Verstand und ihre Kraft auf und konnte nur knapp verhindern, dass der 6. April 2008 zum 25. Januar 2011 wurde. 2008 konnte die Regierung abwenden, dass der Protest aus einer Industriestadt auf das ganze Land – ganz zu schweigen auf die gesamte Region – überschwappte, indem sie aus sechs Regierungsgebieten Sicherheitskräfte orderte. Vom heutigen Standpunkt aus scheint es klar, dass die Zeit im April 2008 noch nicht reif war für das, was weniger als drei Jahre später aufkommen sollte. Am 28. Januar 2011 gewannen Demonstranten im ganzen Land in wenigen Stunden die Oberhand über genau jene Sicherheitskräfte. An diesem Punkt muss wieder unterstrichen werden, dass 2011 nicht 1968 ist. 1968 wäre ohne Arbeiterstreikwellen und Fabrikbesetzungen, die parallel zu Studentenprotesten stattfanden, nicht möglich gewesen. Im Fall der Revolution vom 25. Januar kamen die Akteure aus allen Gesellschaftsschichten, sie brachten die Mittelschicht mit den Erwerbslosen, den Arbeitern und den Bauern zusammen, aber es waren die Menschen aus dem Arbeiterprekariat und nicht Ägyptens traditionelle Arbeiterklasse, die als das radikalisierende Element der Revolution agierten. Diese Abgrenzung mag trivial erscheinen, ist jedoch einer der Dreh- und Angelpunkte der Unterschiede zwischen 2011 und 1968.

Von 2006 zum 25. Januar 2011 und bis zum heutigen Tag haben Arbeiter aus geregelten Arbeitsverhältnissen unaufhörlich für bessere Löhne und gegen Privatisierung, Korruption und Ungerechtigkeit demonstriert und gestreikt. An den am 25. Januar beginnenden Protestwellen beteiligte sich eine große Anzahl Arbeiter aus dem Prekariat, hauptsächlich aus Ägyptens unzähligen „eshwa’eyat“, den provisorischen, inoffiziellen Siedlungen. Dies bedarf einer genaueren Erläuterung. Ab 2006 begannen Ägyptens Arbeiter gegen die Auswirkungen des unter Mubaraks letzter Regierung beschleunigten neoliberalen Prozesses zu protestieren. Die Arbeiter haben direkt – auch wenn sie es nicht in dieser Konsequenz formulierten – auf die Implementierung des westlichen ökonomischen Paradigmas des Neoliberalismus reagiert. Indem sie Betriebe und Unternehmen des Öffentlichkeitssektors privatisierte, Subventionen kürzte und die Produktion für den Export förderte, hatte Mubaraks Regierung ausländischen kapitalistischen Unternehmen den Einstieg in die ägyptische Industrie erleichtert. Mit dem Rückhalt internationaler Finanzinstitutionen und durch weniger Restriktionen hat dieses System ausländischen Investoren den Zugang zu Ägyptens natürlichen Ressourcen ermöglicht, was die Ausbeutung der hiesigen Arbeiterklasse zur Folge hatte. Dieser Prozess führte zu einer enormen Umwandlung der traditionellen Arbeiterschicht. Arbeiter sahen sich gezwungen, die so genannten Gelegenheitsjobs auf dem informellen Arbeitsmarkt anzunehmen, wobei es sich um Arbeit ohne Verträge, ohne Garantien und ohne soziale Absicherung handelt, was ihre sowieso schon prekären Arbeitsbedingungen weiter verschlimmerte. Sie müssen oft zwei oder drei Jobs parallel ausüben, um über die Runden zu kommen. Eine Ausbildung ist unerreichbarer Luxus. Diese untersten Arbeiter hatten am meisten unter der Unterdrückung, Ausbeutung und Verzweiflung des vorigen Regimes zu leiden. Gerade diese Unterklasse war Opfer des Umstands, dass Polizisten und Arbeitgeber jenseits der Gesetze standen. Verglichen mit dem Prekariat lebt die traditionelle Arbeiterklasse unter gesicherteren Bedingungen. Trotz des zumeist kargen Lohns, den skandalösen Arbeitszeiten im privaten Sektor, schlechten Arbeitsbedingungen und den geringen Zuschüssen, hat die traditionelle Arbeiterklasse mit ihren festen Verträgen und dem geregeltem Einkommen eine privilegierte Stellung in einer Arbeitswelt mit wenigen Garantien. Um den Verlust des Jobs nicht zu riskieren, begann die Arbeiterklasse, den Lebensstil der auf Sicherheit bedachten Mittelklasse nachzuahmen. Auch wenn die Arbeiterklasse sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt, sich gegen Korruption und Missbrauch am Arbeitsplatz ausspricht, beschränken sich ihre Anstrengungen doch genau auf diese Forderungen, weil sie – verständlicherweise – nicht willens ist, ihre Kämpfe jenseits des Arbeitsplatzes auszutragen. Die Teilnahme an der Revolution bedeutete auf die Straße zu gehen und war mit dem Risiko verbunden, dem Arbeitgeber durch „Unruhestiftung“ einen Kündigungsgrund zu liefern. Das Heer der Arbeitslosen, die sofort in jeden freien Job drängten, minderte die Bereitschaft zum Protest. Das Risiko, ein so wertvolles Gut wie eine Festanstellung zu verlieren, wollte kaum ein festangestellter Arbeiter eingehen.

Die Umsetzung der neuen ökonomischen Paradigmen seit 1968 hat weiterhin das Kapital in den Händen der Reichen konzentriert und die Existenzgrundlage für alle anderen reduziert. Diese politische Ausrichtung trug dazu bei, dass das „Lumpenprekariat“ zum radikalen Element innerhalb des revolutionären Kampfes wurde und sich selbst bewies, dass mit ihm gerechnet werden muss. Die Zunahme komplexer ökonomischer Verflechtungen der neoliberalen Ära hat neue Formen des Widerstands hervorgebracht. Das sind die Bedingungen, welche die Ägypter an den Rand der Revolution gebracht haben, und es sind diese Bedingungen, welche die zukünftigen Protestbewegungen kennzeichnen werden.

Nachdem Berichte von Mubaraks Tod aufgetaucht waren, versammelte sich am Samstag, den 19. Juni 2012, eine Gruppe seiner Unterstützer vor einem Militärhospital am Ufer des Nils. Einer der Demonstranten hielt für die Vorbeifahrenden ein Schild in die Luft: „Die Revolution des 25. Januar: Die Geschichte wird urteilen.“

Du entscheidest, wie der 25. Januar in deine eigene Geschichtsschreibung eingeht. Ist er ein zweites 1968, eine Revolution nach deinem Geschmack? Oder ist er eine Bewegung, die die wenigen von dir gesehenen Bilder und deren Bedeutungen übersteigt und die dir eines Tages an deiner Haustür gegenüberstehen könnte?